Familienzusammensein

Beziehung braucht Kommunikation

 

Theorie

Kommuniziert wird immer. Ohne Kommunikation gibt es kein Miteinander. In der Eltern-Kind Beziehung beginnt diese Kommunikation schon lange bevor das Kind das Licht der Welt erblickt hat. Zum Beispiel werden Hände auf Babybäuche gelegt, es wird gestreichelt, gewiegt, geschaukelt als Reaktion auf ein Stoßen, Treten oder Strampeln. Kommunikation ist mehr als Sprache, braucht oft gar keine Worte.

Ist das Baby auf der Welt, wird die Kommunikation nahtlos mit dem ersten Blickkontakt, den ersten Worten, die die Eltern an das Neugeborene richten, fortgesetzt. Diese ersten direkten Kommunikationsschritte erfolgen rein intuitiv. Jede Mutter, jeder Vater wählt die eigene Sprache (verbal und nonverbal) so, dass sie vom Säugling verstanden werden kann. Dies ist ein Teil der intuitiven elterlichen Kompetenz.

Und das Kind lernt, lernt vom allerersten Augenblick an am Vorbild der Erwachsenen. Kommunikation entwickelt sich, so wie Bewegung und Sprache, aus sich heraus. Kommunikation muss keinem Kind antrainiert werden. Es lernt sie durch Orientierung an der Umgebung. Wie auch bei der Sprache, ist im Fall der Kommunikation die kommunikative Umgebung des Kindes ausschlaggebend für ihre Qualität. In den ersten drei Jahren holt sich das Kind aus dieser kommunikativen Umgebung alles, was es braucht und orientiert sich dabei an den Bezugspersonen.

Neurobiologische Forschungen haben gezeigt, dass diese Orientierung an der Umwelt von Beginn an eine Leistung der sogenannten Spiegelneuronen ist, „die in uns – nach Art eines Simulators – das aktivieren, was zunächst nur die Emotionen und Gefühle des anderen waren.“ (Bauer, 2006: 85) Dies ermöglicht uns Handlungen auch ohne Sprache intuitiv zu verstehen. „Doch umgekehrt ist die Sprache, Ausdruck von verstandenem Handeln, ohne entwickelte Handlungsvorstellungen nicht möglich.“ Das ist ein Indiz dafür, dass Sprachentwicklung und Kommunikationsentwicklung immer Hand in Hand gehen, wie es Joachim Bauer in seinen Untersuchungsergebnissen beschreibt. (ebenda: 82) Diese kommunikative Eltern-Kind Beziehung wird nie mehr enden. Sie wird zunehmend komplexer, birgt immer mehr Herausforderungen für alle Beteiligten und wird manchmal vielleicht auch zur Belastung.

Elternbildungsveranstaltungen bieten einen guten Rahmen, das kommunikative Verhalten in der Eltern-Kind Beziehung zu stärken. Erwachsene haben in entsprechenden Angeboten die Möglichkeit, ihr eigenes Kommunikationsverhalten zu reflektieren, Informationen zu verschiedenen Ansätzen der Kommunikationswissenschaft zu bekommen, andere Möglichkeiten zu erproben und damit gestärkt in den Familienalltag zu gehen.

In diesem Artikel soll ein kleiner Einblick in einige grundlegende Kommunikationstheorien gegeben werden. Einblicke in andere Kommunikationstheorien finden sich auch im Bereich „Weitere Informationen“. Anschließend wird ein Versuch unternommen, Möglichkeiten aufzuzeigen, Kinder im Aufbau ihrer Kommunikationsfähigkeit zu unterstützen und auch der Frage nachgegangen, wie wir uns als Erwachsene „kommunikativ stärken“ können.

 

Grundlagen

Es gibt in den Kommunikationswissenschaften eine Menge durchaus unterschiedlicher Theorien. Einige von ihnen untersuchen kommunikative Vorgänge als rein physikalische Prozesse, die sich dem Senden und Empfangen von Schwingungen widmen. Andere wiederum beschäftigen sich vornehmlich mit dem Ver- und Entschlüsseln von Nachrichten in der Kommunikation (Encoder- Decoder Modelle). Im Folgenden werden zwei Modelle genauer beschrieben, die sich auf Kommunikation als ganzheitlichen Prozess beziehen, der sehr stark von der Psyche der jeweiligen KommunikationspartnerInnen beeinflusst wird. Sie lassen sich daher zu den kommunikationspsychologischen Modellen zählen. (Ein drittes zu dieser Gruppe zählendes bekanntes Modell, das der Transaktionsanalyse nach Berne, findet hier keinen Eingang.)

 

Das 4 Ohren Modell nach Schulz von Thun

Friedemann Schulz von Thun ist Professor für Psychologie in Hamburg und hat in seiner Trilogie „Miteinander reden“ ein Konzept entwickelt, das aus der Verbindung von Forschung, Lehre und Praxis entstanden ist.

Seiner Meinung nach ist der Grundvorgang der zwischenmenschlichen Kommunikation schnell beschrieben: „Da ist ein Sender, der etwas mitteilen möchte. Er verschlüsselt sein Anliegen in erkennbare Zeichen – wir nennen das, was er von sich gibt, seine Nachricht. Dem Empfänger obliegt es, dieses wahrnehmbare Gebilde zu entschlüsseln. In der Regel stimmen gesendete und empfangene Nachricht leidlich überein, sodass eine Verständigung stattgefunden hat.“ (Schulz von Thun, 2004: 25)

Dieses kleine Wörtchen leidlich hat ihn sichtlich dazu bewegt, diese gesendeten Nachrichten genauer zu untersuchen. Dabei wurde deutlich, dass eine Nachricht nicht nur eine, sondern viele Botschaften enthält. Um diese Vielzahl der Botschaften genauer betrachten zu können, entstand ein System, das sogenannte Nachrichtenquadrat:

Grafik: Brigitte Lackner

Hier wird deutlich, dass Botschaften diesen vier Ebenen der Nachricht zugeordnet werden können. Diese betreffen die Sache, das Ich, das Du und die Beziehung zwischen beiden.

 

Sachebene
(= worüber ich infomiere)
Jemand übermittelt seinem Gesprächspartner/seiner Gesprächspartnerin eine sachliche Information; immer, wenn es „um die Sache“ geht, steht diese Seite der Nachricht im Vordergrund; zumindest im Idealfall. Sachinhalte können nur mit Worten ausgedrückt werden:

z.B. Heute ist Mittwoch; es ist 8.00 Uhr.

Sachinhalte können selbstverständlich auch falsch sein.

 

Appellebene
(=wozu ich den Zuhörer/die Zuhörerin veranlassen möchte) 

Jede Nachricht soll irgendein Ziel erreichen. So soll der Empfänger/die Empfängerin veranlasst werden, etwas Bestimmtes zu tun, zu unterlassen, zu denken, zu fühlen. Selbst in einer belanglosen Unterhaltung wollen wir zumindest, dass uns der Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin zuhört. Wir senden also in den seltensten Fällen Nachrichten bloß um der Nachricht willen. Wir wollen damit etwas bewirken. Meistens werden Appelle nicht offen (explizit) geäußert, sondern mit der Sachinformation mitgeschickt (implizit).

z.B. „Es ist 8.00 Uhr“ kann bedeuten – ,,beeile Dich, sonst verpasst Du den Bus.“

 

Selbstoffenbarungsebene
(=was ich als Sprecher von mir selbst kundgebe)
In jeder Nachricht stecken auch Informationen über die Person des Sprechers/der Sprecherin. Vor allem die Körpersprache (der Tonfall sowie die Mimik und Gestik, mit der der Sender/die Senderin seine/ihre Informationen begleitet) sagt etwas über den Sprechenden/die Sprechende selbst aus. Dabei kann er/sie freiwillig etwas von sich selbst darstellen, es kann sich aber auch um eine unfreiwillige und ungewollte ,,Selbstenthüllung“ handeln.

z.B. „Es ist 8.00 Uhr“ kann beinhalten: ,,Ich freu‘ mich, dass endlich die Schule losgeht.“

 

Beziehungsebene
(= was ich von dir halte)

Mit dem Senden einer Nachricht sagt der Sender/die Senderin gleichzeitig auch darüber etwas aus, wie er/sie den Empfänger/die Empfängerin sieht und vor allem in welcher Beziehung er/sie zu ihm steht. Wie vertraut ist die Beziehung? Kann über persönliche Dinge gesprochen werden? Sind beide Partner gleichberechtigt oder gibt es ein Oben und ein Unten? Wie sieht es mit dem Recht aus, Fragen zu stellen, zu widersprechen, zu kritisieren?

z.B. Mit „Es ist 8.00 Uhr“ kann auch ausgedrückt werden: „Es ärgert mich, dass du so langsam bist.“ Oder: „Immer muss ich für dich auf die Zeit achten, du hast kein Zeitgefühl!“

Damit ist jedoch nur eine Seite des Kommunikationsvorganges betrachtet. Die andere Seite betrifft den Empfänger/die Empfängerin der Nachricht. Er kann die Botschaften einer Nachricht auf „4 Ohren“ empfangen.

Grafik: Brigitte Lackner

 

„Je nachdem, auf welcher Seite er besonders hört, ist seine Empfangstätigkeit eine andere: Den Sachinhalt sucht er zu verstehen. Sobald er die Nachricht auf die Selbstoffenbarungsseite hin ,abklopft̉‘  ist er personaldiagnostisch tätig (,Was ist das für eine(r)?̉ bzw. ,Was ist im Augenblick los mit ihm/ihr?̉). Durch die Beziehungsseite ist der Empfänger persönlich besonders betroffen (,Wie steht der Sender zu mir, was hält er von mir, wen glaubt er vor sich zu haben, wie fühle ich mich behandelt?̉). Die Auswertung der Appellseite schließlich geschieht unter der Fragestellung ,Wo will er mich hinhaben?̉ Bzw. im Hinblick auf die Informationsnutzung. (,Was sollte ich am besten tun, nachdem ich dies nun weiß?̉̉)“ (Schulz von Thun, 2004: 44)

Alleine diese ersten beiden Folgerungen Schulz von Thuns lassen vermuten, welche Komplexität hinter einem Kommunikationsvorgang steckt – wie viele Möglichkeiten des Empfangens es gibt und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, das die „Sendeebene“ und die „Empfangsebene“ nicht übereinstimmen. In weiteren Schritten beschäftigt sich Schulz von Thun in seinen Untersuchungen tiefergehend mit den Möglichkeiten des Umgangs mit den „Empfangsresultaten“ und den Problemen zwischenmenschlicher Kommunikation.

 

Bedeutung für die Elternbildung

Was bringen nun diese Kenntnisse des „4 Ohren Modells“ für die Elternbildung? Wie können wir sie nutzen, um Eltern und Kinder gleichermaßen in ihrer Kommunikationsfähigkeit zu unterstützen?

Wenn wir uns die vier Ebenen des Nachrichtenquadrates anschauen, liegt der Schluss nahe, dass in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern die Beziehungsebene und oft auch die Appellebene sehr dominant sind.

Wenn es uns als Erwachsene gelingt, in anderen Gesprächen sachlich zu sein, so kann schon so ein einfacher Satz wie „Draußen ist es heute kalt!“, gesagt zum eigenen Kind, eine Menge an Reaktionen auslösen, mit denen man nicht gerechnet hat.

Während der Arbeitskollege diesen Satz als den Beginn eines Smalltalks über das aktuelle Wetter einordnet, kann es schon sein, dass die 14- jährige Tochter in genau den selben Worten eine Aufforderung dazu hört, sich wärmer anzuziehen (Appellebene), damit ihre Selbstbestimmung in Frage gestellt sieht (Beziehungsebene) und dementsprechend die verbale oder nonverbale Reaktion ausfällt.

Doch was dagegen tun? Die, wie es scheint, einzige zielführende Möglichkeit ist das bewusste Ansprechen dessen, was man wirklich mitteilen möchte. Das heißt, ein bewusstes Ansprechen der Ebene, auf der ich gerade kommuniziere und vor allem der damit verbundenen Emotionen und Erwartungen.

Also z.B. „Der Wetterbericht hat gerade minus zwei Grad gemeldet. Das wird sicherlich ein schöner Wintertag!“ (Sachinformation) Oder: „Das Thermometer zeigt heute minus zwei Grad. Ganz schön kalt. Ich bin mir sicher, du findest die passende Kleidung.“ (Beziehungsebene) Bzw. „Ich mache mir Sorgen, dass du zu wenig an hast. Bitte überdenke deine Kleidungswahl noch mal.“ (Selbstoffenbarung) Bzw. „Ich mache mir Sorgen, dass dir kalt ist, bitte zieh noch eine Jacke über!“ (Appell)

An der Fülle der Möglichkeiten, die in einem so einfachen Satz stecken, ist schon erkennbar, wie schwierig es sein kann, mit den eigenen Kindern auf eine „Wellenlänge“ zu kommen. Damit dies gelingen kann, gilt es allem voran das eigene Bewusstsein dafür zu schaffen: Was möchte ich denn wirklich mit meiner Mitteilung ausdrücken? Möchte ich damit etwas erreichen und wenn ja was? Bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass mein Kind die richtige Entscheidung treffen wird und kann ich die dann auch wirklich akzeptieren? Oder möchte ich eigentlich schon vom ersten Wort an „indirekt“ mitschwingen lassen, dass er/sie sich doch lieber noch eine zweite Jacke anziehen soll?

Für den Erwachsenen steht an erster Stelle das Realisieren der eigenen Gefühle und damit auch die Notwendigkeit dafür einen Ausdruck zu finden. Eine Fähigkeit, die uns nicht mit in die „Kommunikationswiege“ gelegt ist, sondern, die wir uns erst erarbeiten müssen, was oft eine große Herausforderung darstellt. Bleiben wir aber dran, nach unseren authentischen Emotionen und Bedürfnissen zu kommunizieren, dann tun wir auch schon das Beste, was wir unseren Kindern in diesem Bereich mitgeben können. Wir schaffen kontinuierlich ein kommunikatives Umfeld, in dem das Kind (im Idealfall von Anfang an) mitbekommt, welchen Stellenwert Authentizität hat, und wie sie sehr sie zum Gelingen von Kommunikation beiträgt.

Das ist nur ein Aspekt dieses Modells, das uns in der Elternbildung noch viel mehr Möglichkeiten bietet, kommunikative Vorgänge transparent zu machen. Jede Nachricht kann nach dem Prinzip der vier Ebenen auf ihre Botschaft hin untersucht werden. Diese Untersuchungen liefern wertvolle Ergebnisse, die ihrerseits dazu beitragen, unsere eigenen Reaktionen und die unserer KommunikationspartnerInnen besser zu verstehen.

Gleichzeitig soll aber hier auch betont werden, dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern kein „kommunikationspsychologisches Labor“ werden soll, in dem jede einzelne Botschaft zerlegt wird. Die bereits oben erwähnte Authentizität in der Eltern-Kind-Kommunikation darf in keinem Fall verloren gehen. Manche Kommunikationssituationen lassen sich aber nachträglich ganz gut anhand dieses Modelles überdenken und das wiederum bietet die Möglichkeit es beim nächsten Mal anders anzugehen.#

 

Die fünf Axiome zur Kommunikation nach Paul Watzlawick

Paul Watzlawick war ein österreichischer Kommunikationswissenschafter, systemischer Familientherapeut und Soziologe, der in Amerika forschte und arbeitete. Er ist der Begründer der konstruktivistischen Kommunikationstheorie. Diese besagt, dass die Realität, auf die wir in zwischenmenschlichen Beziehungen Bezug nehmen, keine objektiv vorhandene ist, sondern ein Konstrukt, welches wir selbst schaffen. (Wahr ist nicht was A sagt, sondern was B versteht!).

Sein Kommunikationsmodell baut auf 5 „pragmatischen Axiomen“ (vgl. Watzlawick, 2000: 50ff.) auf, die hier kurz beschrieben und für die Elternbildung adaptiert werden:

  1. Man kann nicht, nicht kommunizieren!

Watzlawick geht davon aus, dass jedes Verhalten auf etwas oder jemanden eine Art von Kommunikation darstellt. Jedes reaktive Verhalten besitzt Mitteilungscharakter. Egal ob sich in einem Gespräch jemand zuwendet oder abwendet, beides hat eindeutig einen kommunikativen Mitteilungscharakter. Und genau so wie man sich nicht nicht verhalten kann (denn z. B. auch ein scheinbar teilnahmsloses vor sich Hinstarren drückt ein Verhalten aus) kann man daher auch nicht nicht kommunizieren.

 

  1. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

Der Inhaltsaspekt bezieht sich auf Informationen, Daten und Fakten. Der Beziehungsaspekt  auf die zwischenmenschliche Beziehung zwischen SenderIn und EmpfängerIn.

Auf der Sachebene werden die Inhalte mitgeteilt. Auf der Beziehungsebene wird kommuniziert, wie diese Inhalte aufzufassen sind. Diese Beziehungsaspekte drücken sich unter anderem in Mimik, Gestik und Tonfall aus. Diese Beziehungsebene ist entscheidend dafür, wie die Nachricht aufgefasst wird. Der Inhalt im wörtlichen Sinne –also so, wie er auf dem Papier zu lesen ist – wird durch die Beziehungsebene bestimmt.
Wenn Einklang beider Ebenen herrscht, dann, wird Kommunikation als erfolgreich empfunden, man spricht von Kongruenz. Besteht keine Harmonie zwischen diesen beiden Ebenen, wird Kommunikation als gestört oder anstrengend wahrgenommen.

Mit diesem Axiom werden wir uns noch näher im folgenden Eisberg Modell beschäftigen.

 

  1. Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion (Gliederung) der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt

SenderIn und EmpfängerIn gliedern einen Kommunikationsablauf unterschiedlich und interpretieren so ihr eigenes Verhalten oft nur als Reaktion auf das Verhalten des anderen Partners. Das bedeutet im Alltag, die Ursache für nicht zufriedenstellende Kommunikation wird beim anderen gesucht.

Menschliche Kommunikation ist aber nicht in Ketten kausaler Zusammenhänge auflösbar, sie verläuft vielmehr kreisförmig. Anfänge in Kommunikationsabfolgen werden immer nur subjektiv gesetzt als so genannte „Interpunktionen“. Den Ablauf, in dem Ursache und Wirkung ihre Stellung in der Kommunikation verändern können, nennt man Interdependenz.

Kommunikation wird dann als erfolgreich wahrgenommen, wenn die Kommunikationspartner als Ursache und Wirkung die gleichen Sachverhalte festlegen und Kommunikation als Regelkreis verstehen.

 

  1. Kommunikation ist sowohl digital als auch analog

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Arten, Dinge darzustellen. Entweder durch eine Analogie (z.B. eine Zeichnung) oder „digital“ durch einen Namen.
Dabei werden Namen als Worte verstanden, deren Beziehung zu dem damit ausgedrückten Gegenstand eine rein zufällige oder willkürliche ist.

Watzlawick schreibt dazu: „Es gibt letztlich keinen zwingenden Grund, weshalb die fünf Buchstaben k, a, t, z und e in dieser Reihenfolge ein bestimmtes Tier benennen sollen – es besteht lediglich ein semantisches Übereinkommen für diese Beziehung zwischen Wort und Objekt. Wenn wir uns erinnern, dass Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt hat, so wird deutlich, dass die digitalen und die analogen Kommunikationsweisen nicht nur nebeneinander bestehen, sondern sich in jeder Mitteilung gegenseitig ergänzen. Wir dürfen ferner vermuten, dass der Inhaltsaspekt digital übermittelt wird, der Beziehungsaspekt dagegen vorwiegend analoger Natur ist.“ (Watzlawick, 2000: 62)

Analoge Kommunikation funktioniert, wenn man sich in einem fremden Land ohne Hilfe der dort gesprochenen Sprache mit „Händen und Füßen“ (durch den Tonfall, Mimik, Körper-, Zeichen- und Gebärdensprache) verständlich macht. Im Gegensatz dazu ist es z.B. völlig unmöglich, durch bloßes Hören einer unbekannten Sprache im Radio diese Sprache jemals zu verstehen oder zu erlernen (digitale Kommunikation).

Überall wo Beziehung zum zentralen Thema der Kommunikation wird, erweist sich die digitale Kommunikation als fast bedeutungslos. Das ist in vielen Situationen des menschlichen Lebens, z.B. in Liebesbeziehungen, in der Empathie, bei Feindschaft, Sorge und vor allem im Umgang mit jungen Kindern der Fall. Kindern, Narren und Tieren wird seit jeher eine besondere Intuition im Umgang mit Aufrichtigkeit und Falschheit menschlicher Haltungen zugeschrieben. Diese Erfahrung beruht darauf, dass es leicht möglich ist, etwas mit Worten zu beteuern, aber sehr schwer, auch analogisch glaubhaft zu kommunizieren.

Erfolgreiche Kommunikation besteht bei Übereinstimmung zwischen analoger und digitaler Kommunikation und wenn beide eindeutig sind. Störungen entstehen bei Nichtübereinstimmung oder bei Unklarheiten einer der beiden Codierungsarten.

 

  1. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe erfolgen entweder symmetrisch oder komplementär

Ist der Status der Kommunikationspartner gleich, spricht man von symmetrischer oder spiegelbildlicher Kommunikation. Die Partner sind sich in Stärke und Schwäche, in Härte und Güte ebenbürtig.

Ist der Status der Partner ungleich, spricht man von komplementärer oder sich ergänzender Kommunikation: Ein Partner spielt die überlegene, der andere die unterlegene Rolle.

Wichtig erscheint das Wissen um diese Tatsache, und dass die eine oder andere Rolle auch bewusst angesteuert oder vermieden werden kann. In jedem Fall hat sie Einfluss auf die Qualität der Kommunikation.

Beispiele aus dem täglichen Leben gibt es zu beiden Verhaltensmustern viele: Mutter und Kind, Arzt und Patient, LehrerIn und SchülerIn, Vorgesetzte und Mitarbeiter, ReferentIn und ZuhörerIn etc.

 

In der Elternbildung haben alle fünf Axiome als „Hintergrundwissen“ zum Thema Kommunikation einen großen Wert. Eines soll näher betrachtet werden, da es auch eine Art differenzierterer Darstellung des Nachrichtenquadrates von Schulz von Thun darstellt.

 

Das Eisbergmodell nach Paul Watzlawick 

Dieses Modell basiert auf dem zweiten Axiom Watzlawicks, das besagt, dass jede Kommunikation sowohl einen Inhalts-, wie auch einen Beziehungsaspekt beinhaltet und dass der Beziehungsaspekt den Inhaltsaspekt dominiert. Ausgedrückt wird diese Dominanz am besten mit dem Bild des Eisbergs:

Grafik: Brigitte Lackner

 

Wie aus den Naturwissenschaften bekannt, beträgt der über der Meeresoberfläche sichtbare Teil des Eisberges lediglich 1/8 seiner gesamten Masse, der unter der Wasseroberfläche liegende – und damit unsichtbare – Teil der Masse beträgt jedoch 7/8. Auf den Bereich der Kommunikation übertragen bedeutet dieses Bild, dass an Sachinformation lediglich 1/8 transportiert wird, während sich 7/8 der Information auf das „Wie“ beziehen. Zum Bereich der Beziehungsebene gehören: Gestik, Mimik, Tonlage, Lautstärke, Stimmhöhe genauso wie Erfahrungen, Einstellungen, Gefühle, Wünsche und die Tatsache wie SenderIn und EmpfängerIn zueinander stehen. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies, dass es eine Menge „zwischen den Zeilen“ gibt, von dem die Kommunikation abhängt. Eine Menge an Faktoren, die subjektiv wahrgenommen werden und deren Überprüfbarkeit sich manchmal schwierig gestaltet.

In der Arbeit mit Eltern ist dieses Modell sehr hilfreich, um ein Stück weit auch die eigenen Kommunikationserfahrungen in der Eltern-Kind Beziehung zur Sprache zu bringen oder die eigenen Wünsche und Gefühle zu formulieren, die hinter einer Botschaft stecken. Auch einen Blick auf die eigene Körpersprache in der Kommunikation mit dem Kind lässt dieses Modell leicht zu. Und dieser kann manchmal viel zum Verstehen kindlichen Verhaltens beitragen.

Eine gute Methode, beide Ebenen des „Eisbergs“ in die Eltern- Kind Kommunikation einzubeziehen ist das im folgenden Kapitel beschriebene „Aktive Zuhören“.

 

Kinder in ihrer Kommunikationsfähigkeit stärken

Wie im oben beschriebenen „Eisbergmodell“ und auch im „4 Ohren Modell“ deutlich geworden ist, haben Emotionen einen wesentlichen Anteil an der Qualität unserer Kommunikation. Emotionen sind ein Bereich unseres Erlebens, über den es manchmal schwierig erscheint zu sprechen.

Kinder zeigen ihre Gefühle vor allem durch ihr Verhalten. Je jünger sie sind, desto direkter ist die Verbindung zwischen erlebter Emotion und ihrem Verhalten.

Da Sprache (nach Watzlawick der digitale Anteil an der Kommunikation) gleichwertig neben dem analogen (nonverbalen) Anteil der Kommunikation zu ihrem Gelingen beträgt, erscheint es logisch, Kindern ein Vokabular für ihre innere Wirklichkeit zu geben. Damit fördert man ihre Fähigkeit auch auf digitalem Weg darüber zu kommunizieren, was sie bewegt und sich damit selbst zu helfen.

Dieser Anspruch erscheint vielleicht auf den ersten Blick etwas banal. Daher möchte ich Sie einladen, kurz darüber nachzudenken, welche Wörter Kinder für Gefühle benutzen. Sind es Nomen oder doch eher Beschreibungen oder Umschreibungen? Leicht kommen einem Wörter wie Freude, Lust, Spaß, Zufriedenheit in den Sinn. Doch wie schaut es aus mit Bezeichnungen für Gefühle, die wir als sogenannte „negative“ kennen? Zorn, Neid, Hass, Unausgeglichenheit etc., gehören die auch zum Sprachrepertoire der Kinder? Im Allgemeinen tun sie das nicht.

Das hat sicherlich damit zu tun, dass auch wir als Erwachsene diese Ausdrücke versuchen zu umschreiben. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, Emotionen als positiv oder negativ zu bewerten, obwohl sie es als solches nicht sind. Emotionen sind da und haben ihre Berechtigung. Eine Einteilung in gut und schlecht nehmen wir aus unserer Erfahrung heraus vor.

Oder es hat auch damit zu tun, dass wir als Erwachsene oft verleitet sind, solche „negativen“ Gefühlsäußerungen nicht zuzulassen. Ein Beispiel dafür beschreiben Adele Faber und Elaine Mazlish (Faber/Mazlish, 1989: 16): „Dann verkündete meine Tochter eines Tages: Ich hasse Großmutter! – sie sprach dabei über meine Mutter. Ich zögerte nicht eine Sekunde: So etwas zu sagen ist schrecklich! Entgegnete ich schnippisch. Du weißt, dass du das nicht so meinst. Ich will aus deinem Mund nie mehr so etwas hören.“

Hier erlebt die Autorin ein Leugnen der Gefühle ihrer Tochter. Sie spricht ihr das ab, was sie in diesem Augenblick authentisch ihrer Großmutter gegenüber empfindet. An anderer Stelle schreibt sie: „ Das ständige Leugnen von Gefühlen kann Kinder verwirren und wütend machen. Es lehrt sie auch, ihre Gefühle nicht einschätzen zu können – ihnen nicht zu trauen.“ (Faber/Mazlish, 1989: 14)

 

Faber und Mazlish beschreiben auch andere Strategien, die sie neben dem Leugnen von Gefühlen in ihren Elterngruppen beobachtet haben. Diese werden in der Kommunikation sowohl mit Erwachsenen, als auch mit Kindern eingesetzt, wenn es darum geht sich mit den Gefühlen anderer auseinanderzusetzen: (Hier am Beispiel eines 5-Jährigen, der nach Hause kommt, weint und mitteilt, dass er seinen besten Freund nicht mehr leiden kann, weil ihn dieser nicht mit seinem neuen Auto hat spielen lassen):

  • „philosophische“ Reaktion : z.B. Ja, so ist das manchmal, man bekommt nicht immer das, was man will,…
  • Ratschläge: z.B. Am besten du gehst morgen zu deinem Freund und fragst ihn nochmal ganz in Ruhe
  • Fragen: z.B. Du hast doch so viele Autos, warum muss es denn genau das sein?
  • Verteidigung anderer Personen: z.B. Ja der hat schon Recht! Es ist sein neues Auto, du hast selbst genug Autos.
  • Mitleid: z.B. Du Armer, das muss ja schrecklich gewesen sein für dich!
  • Amateurpsychoanalyse (eher im Umgang mit älteren Kindern oder Erwachsenen): z.B. Ist es dir je in den Sinn gekommen, dass das eine Reaktion auf dein Verhalten sein könnte?
  • Eine mitfühlende Reaktion (ein Versuch, sich in den anderen hineinzuversetzen): z.B. Das macht dich ganz schön traurig, wenn du deinen Freund so neidig erlebst. Da möchtest du am liebsten gar nicht mehr mit ihm spielen.

Mitfühlende Reaktionen können Kinder unterstützen sich selbst zu helfen. Sie bekommen, wie hier im letzten Beispiel die Möglichkeit ihre eigenen und die Gefühle ihrer Umwelt zu reflektieren. Diese werden benannt und in ihren Reaktionen auf solche mitfühlende Äußerungen zeigt sich oft, dass es nicht mehr braucht um nächste Schritte zu planen. Im obigen Beispiel könnte die Reaktion des Kindes durchaus sein. „Ich geh morgen einfach nochmal hin und frag ihn.“

 

Bei Faber/Mazlish ist weiters zu lesen:

„Doch die mitempfindende Sprache kommt nicht von selbst zu uns. Sie ist nicht automatisch Bestandteil unserer „Muttersprache“. Meistens leugnet man unsere Gefühle, während wir erwachsen werden. Um in dieser neuen Sprache des Akzeptierens heimisch zu werden, müssen wir ihre Methoden lernen und üben.“

Wie notwendig für uns Menschen die, in dieser mitempfindenden Sprache zum Ausdruck kommende zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung ist, belegen auch Untersuchungen der Neurobiologie. Sie erforschte in den vergangenen Jahren, wie natürliche menschliche Motivation entsteht und worauf sie abzielt. „Das Ergebnis dieser Forschungen verblüffte selbst die Fachwelt: Das natürliche Ziel der Motivationssysteme sind soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit anderen Individuen, wobei dies nicht nur persönliche Beziehungen betrifft, […] sondern alle Formen sozialen Zusammenwirkens.“ (Bauer, 2008: 36)

Und weiter schreibt Bauer: „Im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen diese Zusammenhänge manchmal kaum noch wahrgenommen werden, ist die Abhängigkeit der Motivation von Bezugspersonen bei Kindern und Jugendlichen noch relativ unverstellt und daher leicht zu erkennen. Das Bemühen von Kindern und der Erfolg ihres Tuns werden entscheidend dadurch angestoßen und befördert, dass eine Person schlicht und einfach anwesend ist und sich – ohne dabei weiter aktiv zu werden, für ihr Tun interessiert.“ (Bauer, 2008: 40f.)

Was Kinder daher von uns Erwachsenen brauchen und was sie im Umgang mit ihren Gefühlen als förderlich erleben, lässt sich vor allem in folgenden Punkten zusammenfassen:

  • Akzeptanz und Respekt ihrer Gefühle (Achtung: Alle Gefühle können respektiert werden. Handlungen – als Ausdrucksweisen dieser Gefühle – müssen manchmal klar beschränkt werden!)
  • ruhiges und aufmerksames Zuhören
  • Namen (=Bezeichnungen) für ihre Gefühle

 

Uns selbst im Umgang mit unseren Gefühlen stärken

Während im Vorangegangenen das Augenmerk vor allem auf der Unterstützung der kindlichen Kommunikationsfähigkeit lag, soll hier nun noch ein Blick darauf geworfen werden, wie man als Erwachsene/r mit den oft herausfordernden Situationen in der Eltern-Kind Kommunikation umgehen kann, und was dabei unterstützen kann.

Viele Situationen im Familienalltag, die unsere Kommunikationsfähigkeit aufs Äußerste fordern, entstehen durch ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher Bedürfnisse. Ob das der Wutanfall der Dreijährigen im Supermarkt an der Kassa ist, das Türeknallen der 14-Jährigen nach einem Gespräch über die Nutzung des Smartphones oder das vehemente Schweigen des Achtjährigen nach einem Streit mit seinem Freund. Immer sind es unterschiedliche Bedürfnisse der Kinder und der Eltern, denen hier Ausdruck verliehen wird.

Als Erwachsene haben wir den Anspruch mit unseren Kindern zu kooperieren, ein harmonisches und für alle zufriedenstellendes Familienleben zu führen. Über weite Strecken gelingt es auch gemeinsam, diesem Anspruch gerecht zu werden. Wenn es aber zu Situationen kommt, in denen dies nicht geschieht, dann erleben wir selbst Gefühle wie Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Um mit diesen unseren eignen – wie wir sie nennen – negativen Gefühlen umzugehen, gibt es wieder eine Reihe von Strategien, die wir als Erwachsene anwenden. Faber und Mazlish beschreiben sie folgendermaßen: Zitat!!!

Hier sollen sie am Beispiel eines Kindes beschrieben werden, das nach der Dusche die Handtücher immer wieder in seinem Zimmer liegen lässt. Zwei Bedürfnisse treffen hier aufeinander. Das der Eltern, deren Ordnungsbedürfnis nicht entsprochen wird und das des Kindes, das selbst über die Ordnung in seinem Zimmer bestimmen möchte.

  • Anklagen und Tadeln: z.B. „Nie hängst du die Handtücher zurück, immer liegen sie am Boden herum!“
  • Beschimpfen: z.B. Du bist wirklich ein Ferkel, wie es hier wieder ausschaut!
  • Drohungen: z.B. Wenn ich die noch einmal hier finde, dann werde ich sie nicht mehr für dich waschen.
  • Befehle: z.B. Ich will, dass du sie sofort ins Badezimmer bringst und aufhängst!
  • Belehren und Moralisieren: z.B. Weißt du wie ungesund das hier ist. In diesen feuchten Handtüchern können sich allerlei Bakterien sammeln.
  • Warnungen: z.B. im Anschluss an obiges: Du wirst schon sehen, wie krank du davon werden kannst.
  • Märtyreraussagen: z.B. Warte, bist du selbst mal Kinder hast, dann wirst du schon sehen, wie ärgerlich das alles ist.
  • Vergleiche: z. B: Schau mal ins Zimmer deines Bruders/deiner Schwester, dort liegt alles fein säuberlich an seinem Platz.
  • Sarkasmus: z.B. Wie schlau, morgen wirst du mit nassen Haaren aus dem Haus gehen müssen.

Kinder verhalten sich in Reaktion auf diese Kommunikationsstrategien unterschiedlich. Manchmal hilft die eine oder andere Aussage für eine gewisse Zeit. Vor allem dann, wenn sie kongruent ist, also auch mit der Beziehungsebene (Mimik, Gestik, Tonfall etc.) des Erwachsenen im Einklang steht. Was aber bleibt, ist beim Elternteil ein Gefühl massiver Anstrengung, eine Art „Kampf- und Krampfgefühl“.

 

Adele Faber und Elaine Mazlish haben in ihren Elternkursen, die auf den amerikanischen Psychologen Haim Ginott zurückgehen, entsprechende Erfahrungen gemacht. Gemeinsam mit den Eltern haben sie Möglichkeiten erarbeitet, die gleichzeitig die Kooperation mit den Kindern fördern und das elterliche Kommunikationspotenzial stärken.

Diese sollen abschließend hier vorgestellt werden:

  • Hilfreich kann es sein zu beschreiben, worum es geht: z. B “Ein nasses Handtuch liegt auf dem Bett“. Hier wird weder bewertet noch ein Appell ausgesprochen. Diese Beschreibung will lediglich auf eine Tatsache hinweisen.
  • Weiters können Informationen entlasten und hilfreich sein: z. B „Das Handtuch macht die Decke nass.“ Wiederum wird hier von Bewertungen und Appellen Abstand genommen.
  • Manchmal reicht auch fast ein Wort: z.B. „Das Handtuch!“ Hier gilt es besonders auf den nonverbalen Anteil dieser Aussage zu achten. Je nachdem wie die „Unterlegung“ dieser Worte ist, kann sie hilfreich sein, aber auch gerade eine gegenteilige, nicht erwünschte Reaktion auslösen. „Während die unbewussten Unterlegungen den meisten Menschen verborgen sind, nehmen sie die bewussten Unterlegungen wie Freude, Gerührtsein, Genervtsein, Wut oder was auch immer sie im jeweiligen Augenblick empfinden, meistens bewusst war. Sie spüren diese Gefühle, aber sie äußern sie nicht eindeutig. Sie mischen sie als Unterlegung in eine Aussage oder eine Frage.“ (Defersdorf, 2000: 59) Kontrolle!!!
  • Das Beschreiben der eigenen Gefühle hat zwei positive Nebeneffekte: z.B. „Es kränkt mich, wenn du mir nicht zuhörst.“ Erwachsene werden herausgefordert die eigenen Gefühle zu überdenken und dafür Worte zu finden, und sobald Gefühle ausgesprochen sind, ist ihre mögliche Belastung nicht mehr so groß.
  • Bei älteren Kindern kann man manchmal Stift und Papier für sich sprechen lassen: So unterstützt manchmal ein Post it über dem Handtuchhaken im Bad mit den Worten: „Bitte häng mich zurück, damit ich trocknen kann. Dein Handtuch“ Diese Form der Kommunikation schafft zum einen etwas Abstand und nutzt zum anderen eine Ressource, die so manches in einem anderen Licht erscheinen lässt: unseren Humor.

 

Praxis

Im Folgenden sollen einige Methoden vorgestellt werden, wie die oben beschriebenen theoretischen Grundlagen in der Arbeit mit Eltern genutzt werden können.

 

Kommunikationsball
(Idee: Christine Kügerl)

Das Erklärungsmodell des Nachrichtenquadrats von Schulz von Thun ist in der Bildungstätigkeit sehr hilfreich, und es hat angeregt, nach einer Vermittlungsmethode zu suchen, welche die Realität des Kommunikationsvorganges noch besser darstellen könnte. Aus diesen Überlegungen ist der Kommunikationsball entstanden.

Foto: Christine Kügerl

Er ist ein Tetraeder – für viele eine etwas schwierige Form. Es wird rasch geraten, ob dies nun eine Pyramide oder ein Dreieck usw. sei. Damit wird bereits deutlich, dass eine Botschaft keine so einfache Sache ist. Sie ist nicht flach wie eine Frisbeescheibe, die man sich zuwirft und die nur auf eine Art und Weise gefangen werden kann. Nein, eine Botschaft ist vielseitiger. Man sieht auch nicht alle Seiten sofort auf einen Blick usw.

Der Kommunikationsball lässt sich zuwerfen, so wie wir uns auch Botschaften zuwerfen.

Er lässt sich fangen und dabei wird vieles deutlich, was die Zuhörerrolle betrifft.

Mit dem Kommunikationsball lässt sich nun sehr anschaulich demonstrieren, wie Verstehen und Missverstehen zustande kommen. Mit einigen ergänzenden Arbeitsblättern, die das Kommunikationsmodell veranschaulichen, lässt sich das Erarbeitete vertiefen.

Der Kommunikationsball lässt sich in Gruppen unterschiedlicher Größe einsetzen.

  • Als Einstieg

Die Referentin/der Referent bittet die TeilnehmerInnen aufzustehen. Sie/er nimmt den Kommunikationsball in die Hand und sagt: „Ich habe heute einen speziellen Ball mitgebracht und wir können uns damit ein wenig aufwärmen.“ Er spielt den Ball einfach einer Teilnehmerin / einem Teilnehmer zu und fordert diese auf, einfach weiter zu spielen. (Meist geschieht dies jedoch von selbst.) Häufig beginnt irgendjemand von der Gruppe nach dem Fangen des Balles diesen genauer zu betrachten und zu lesen, was auf der gerade zu sehenden Seite steht. Diesen Moment kann die Referentin/der Referent aufgreifen und zum Lesen ermutigen. Z.B.:„Genau, da steht etwas auf dem Ball. Könnten Sie es uns vorlesen?“

Nun wird weitergespielt, aber jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin sagt laut, welche Seite sie vor sich hat, wenn der Ball geworfen wird. Die Person, die den Ball fängt, sagt wieder, welche Seite sie/er gefangen hat. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird bei diesem Spiel bewusst, dass es immer wieder vorkommt, dass eine andere Seite des Balles gefangen wird, als weggeworfen wurde. Die Referentin/der Referent lässt nach einer für ihn und die Gruppe passenden Spielzeit die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wieder Platz nehmen.

Die Referentin/der Referent nimmt den Kommunikationsball in die Hand und erläutert mit seiner Hilfe die Komplexität einer Nachricht.

An Hand dieses Balles sehen wir, dass alles, was wir einander sagen, – wir uns an Botschaften zuwerfen – nicht so einfach ist. Botschaften sind ähnlich wie dieser Ball hier. Wir werfen sie uns einfach zu. Manchmal schleudern wir sie uns auch „um die Ohren“. An dieser Stelle wird das „4 Ohren Modell nach Schulz von Thun dargestellt.

 

  • Vertiefung mit dem Kommunikationsball

Die Referentin/der Referent fordert die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nun auf, ihr/ihm einen Satz zuzurufen. Dieser wird auf dem Flipchart notiert. Nun wirft die Referentin/der Referent den Kommunikationsball einem Teilnehmer/einer Teilnehmerin zu und dieser/diese sagt, welche Seite er/sie gefangen hat. Gemeinsam überlegt die Gruppe nun, wie diese Seite der Botschaft genau lauten würde.

 

Als Mutter/Vater unterwegs mit 4 Zungen und vier Ohren

Auf zwei Flipchartbögen werden zwei Personen stilisiert –ein/e Erwachsene/r und ein Kind – und an zwei Pinnwände geheftet. Es liegen Kärtchen in Form von Zungen und Ohren bereit. Diese gibt es jeweils in 4 Farben, wobei jede Farbe für eine Ebene des Nachrichtenquadrates steht:

blau – Sachebene
grün – Selbstoffenbarungsebene
gelb – Beziehungsebene
rot – Appellebene

Auf Papierstreifen werden Sätze vorbereitet, die Eltern häufig gegenüber ihren Kindern im Alltag gebrauchen: z.B.
Ein Vater sagt zu seiner Tochter beim Weggehen:“Der letzte Bus fährt um 00 Uhr 20.“
Eine Mutter sagt zu ihrem 6 jährigen Sohn:“Dein Schuhband ist offen.“
Eine Mutter sagt zu ihrer Tochter:“Draußen ist es kalt.“

Die TeilnehmerInnen bilden Kleingruppen, ziehen einen Satzstreifen und erarbeiten die Botschaften der vier Ebenen des Senders (Zungen) und des Empfängers (Ohren) für diese Nachricht. Im Plenum werden nun jeweils die Zungen und Ohren an die Pinnwand geheftet und die Botschaften diskutiert.

Interessant kann es auch sein, wenn in der Gruppe Nachrichten gesammelt werden, die Eltern aus dem Alltag mit ihren Kindern kennen. Mit diesen wird dann genau so verfahren wie oben beschrieben. Hier besteht die Herausforderung darin, sich in die Kinder hineinzuversetzen und die eigenen „Ohren zu spitzen“.

 

Das Auto ist blau!

Diese Methode macht deutlich, wie viele Interpretationsmöglichkeiten von Emotionen es gibt, die mit einer Nachricht gesendet werden. Die TeilnehmerInnen stehen im Kreis mit dem Blick nach außen. Die ReferentIn steht in der Mitte des Kreises. Durch ein kurzes Antippen an der Schulter wird jeweils ein/e TeilnehmerIn in die Mitte geholt. Er/Sie hat nun die Aufgabe einen Satz mit einer bestimmten Emotion verbunden, laut auszusprechen. Dieser lautet gleichbleibend „Das Auto ist blau.“  Dabei hält die Referentin Kärtchen bereit, auf denen die unterschiedliche Stimmungslagen geschrieben stehen (wie z.B. aufgeregt, staunend, überrascht, fröhlich, traurig, zornig, gelangweilt, hektisch, unsicher etc.). Alle übrigen TeilnehmerInnen, die nur das akustische Signal empfangen, versuchen die angegebene Emotion zu erkennen.

 

Gefühlen einen Namen geben

Der/die ReferentIn hat Sprechblasen vorbereitet, auf denen Aussagen von Kindern aufgeschrieben sind. Z.B. „Ich möchte Michael eins auf die Nase hauen!“, „Ich habe heute den höchsten Turm gebaut. Der war sogar höher, als der vom Philipp!“, „Der Busfahrer hat mich angeschrien. Und alle haben gelacht.“, „Nur wegen dem blöden Regen können wir unseren Ausflug heute nicht machen. Aber du hast es doch versprochen.“, „Martin hat mich zu seinem Geburtstagsfest eingeladen, aber ich weiß nicht.“, „Anna hat heute nicht mit mir gespielt. Jetzt ist sie nicht mehr meine Freundin!“, „Ich will Cornflakes zum Frühstück, aber wir haben keine Milch.“ usw.

Die TeilnehmerInnen bilden Paare. Jede/r nimmt sich eine Sprechblase. In der Partnerarbeit wird nun jeweils eine Aussage vorgelesen. Das Gefühl wird benannt. Anschließend versucht das Gegenüber eine einfühlsame, aufmerksame Antwort zu formulieren. Der/die PartnerIn gibt Feedback.

 

„Es ist ein schöner Tag!“

Mit dieser Übung wird deutlich wieviel Anstrengung es kostet, eine inkongruente Botschaft zu senden und woran erkannt wird, ob ein Gegenüber kongruent oder inkongruent kommuniziert.

Alle TeilnehmerInnen gehen im Raum umher. Alle, die entgegenkommen, werden mit dem Satz „Es ist ein schöner Tag“ angesprochen, und das Vis à vis entgegnet ebenfalls „Es ist ein schöner Tag“. Nach einiger Zeit werden die TeilnehmerInnen eingeladen, Platz zu nehmen und die ReferentIn erzählt oder liest eine kurze Geschichte, die eine traurige oder deprimierende Stimmung widerspiegelt. Gleich danach werden die TeilnehmerInnen eingeladen, die oben beschriebene Übung zu wiederholen. In einem Plenumsgespräch wird nun der Frage nachgegangen: Was ist mir schwer, was leicht gefallen. Woran habe ich erkannt, ob die Aussage meines Gegenübers ihrer/seiner Stimmung entsprochen hat? Was hat das schwierig gemacht?

 

Abschließende Anmerkung zu Beobachtungen aus der Praxis

  • In Elternbildungsveranstaltungen hat die Autorin oft bemerkt, dass vielen TeilnehmerInnen die Kommunikationstheorien von Schulz von Thun und Watzlawick bekannt sind. Sie kennen sie entweder aus dem beruflichen Kontext oder haben sie früher in eigenen Ausbildungen kennen gelernt und seither nicht mehr gebraucht. Es kann hilfreich sein, dass Eltern an diese Erfahrungen anschließen und sie auch für ihre Elternrolle nutzen können. Umgekehrt kommt es auch vor, dass sie diese Informationen als hilfreich für ihr Berufsleben oder für private Beziehungen empfinden. Beispiele aus diesen Bereichen fließen dann auch immer in das Elternseminar ein.
  • Mehrteilige Seminarreihen bieten die Möglichkeit, kommunikative Prozesse in der Familie zwischen den einzelnen Modulen zu beobachten und diese Beobachtungen beim nächsten Mal einzubringen. Dabei ist es hilfreich, sich als ReferentIn kleine, ganz konkrete Beobachtungsaufgaben für die TeilnehmerInnen zu überlegen.
  • Besondere Sensibilität ist gefordert, wenn Elternpaare an einer Elternbildungsveranstaltung zum Thema Eltern-Kind Kommunikation gemeinsam teilnehmen. Manchmal wird ein Elternbildungsseminar zu diesem Thema dazu genutzt, das eigene Kommunikationsverhalten in der Partnerschaft zu reflektieren. Das kann zwar manchmal sehr aufschlussreich sein, doch sollte die Seminarleitung besonders darauf achten, dass diese Thematik nicht zum Hauptthema wird und plötzlich die Paarthematik im Mittelpunkt steht.

 

Literatur

Bauer, J. (2006): Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen. München.

Bauer, J. (2008): Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. München.

Defersdorf, R. (2000): Deutlich reden, wirksam handeln. Freiburg .Br.

Faber, A./Mazlish, E. (1989): Nun hör doch mal zu! Elternsprache – Kindersprache. Ulm.

Schulz von Thun, F. (2004): Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. 40. Auflage, Hamburg.

Watzlawick, P. u.a.  (2003): Menschliche Kommunikation, 10. Auflage, Bern.

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Brigitte Lackner, MAS
Verantwortliche für die Vernetzung Elternbildung beim Forum Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich, Dipl. Erwachsenenbildnerin und Elternbildnerin, Dipl. Montessoripädagogin, Lebens- und Sozialberaterin
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