Familienzusammensein

Dialogisches Lesen – Bilderbücher gemeinsam entdecken  

Werden durch das Vorlesen von Bilderbüchern und speziell durch das Gespräch über den Inhalt der Bilderbücher die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern adäquat gefördert? Können Defizite in der sprachlichen Entwicklung durch gemeinsame Bilderbuchbetrachtung und durch gemeinsames Vorlesen ausgeglichen werden?

Die Antwort darauf kann im Konzept des Dialogischen Lesens gefunden werden. Der Begriff wurde von Whitehurst, Falco, Lonigan, Fischel, DeBaryshe, Valdez-Menchaca und Caulfield 1988 geprägt und bezeichnet eine bestimmte Art der Kommunikation zwischen einem Erwachsenen und einem oder mehreren Kindern über ein Buch oder ein anderes visuell ansprechendes Material.

An erster Stelle steht das Gespräch über das Buch, wobei der Text zunächst eine eher nebensächliche Rolle spielt. Wichtig ist, dass das Kind – nicht der Erwachsene – zum Erzählenden wird. Dialogisches Lesen ist für alle Kinder, Eltern und ErzieherInnen geeignet, die Spaß an der gemeinsamen Bilderbuchbetrachtung und dem Vorlesen haben. Es stellt für alle Beteiligten eine große Bereicherung dar.

Man nimmt sich Zeit füreinander und tritt in einen gemeinsamen Dialog. (vgl. http://www.berufsbildung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/fs/download/professionnalisierungskonzept.pdf: 131)

 

Forschungsergebnisse

In mehreren empirischen Studien wurden die Fördereffekte des Dialogischen Vorlesens belegt. Die ermutigenden Ergebnisse dieser Untersuchungen geben einen interessanten Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten dieser Art der Sprachförderung. Kinder, die am Dialogischen Lesen teilnahmen, hatten im Vergleich zur Kontrollgruppe einen signifikant höheren Wert hinsichtlich der Wortflüssigkeit und des aktiven Wortschatzes.

Lonigan und Whitehurst kamen mit ihren Untersuchungen zu folgenden Ergebnissen:

  1. Kinder, die in ihrer sprachlichen Entwicklung einen Rückstand auf Gleichaltrige hatten, konnten durch diese Art der Leseförderung in kürzester Zeit ihre sprachlichen Fähigkeiten so weit verbessern, dass sie den gleichen Entwicklungsstand wie die Kinder hatten, die ihnen noch vor kurzem um Längen voraus waren.
  2. Der Wortschatz wurde erweitert, neue Begriffe und deren Bedeutung wurden erlernt. Grammatische Strukturen und Sprache in ihrem Zusammenhang wurden verstanden.

(http://www.berufsbildung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/fs/download/professionnalisierungskonzept.pdf : 132f)

  1. Durch das Dialogische Lesen erfährt das Kind in der Lesesituation Ermutigung und Wertschätzung, es kann dadurch mehr Selbstbewusstsein entwickeln und ein positives Selbstbild aufbauen.
  2. Außerdem begünstigt diese Art des Vorlesens die Entwicklung einer positiven Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind.

Alle angeführten positiven Entwicklungen können sich jedoch nur dann einstellen,  wenn mit dem Kind regelmäßig gelesen wird – am besten täglich – und das Kind in seinen Beiträgen und Aussagen gezielt bestärkt wird.

 

Klassisches Vorlesen und Dialogisches Lesen wo liegt der Unterschied?

Beim klassischen Vorlesen sind die Rollen klar verteilt. Der Erwachsene übernimmt den aktiven Part, die Kinder sind eher passiv. Sie spitzen die Ohren, hören aufmerksam zu, um dem Inhalt der Geschichte folgen zu können. Kinder lieben diese Art des Vorlesens und Zuhörens. Dabei bekommen sie viele Anregungen zur Erweiterung ihres Wortschatzes, ihrer Phantasie und ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Vor allem ab dem vierten Lebensjahr bestehen sie oftmals auf den immer gleich bleibenden Wortlaut. Bei dieser Art des Vorlesens treten Erwachsene und Kinder kaum in einen Dialog. Oft werden Zwischenfragen und Beiträge der Kinder als Unterbrechung und daher als eher störend empfunden. Der Erzähler oder die Erzählerin legen das Hauptaugenmerk darauf, den Inhalt der Geschichte oder der Erzählung originalgetreu wieder zu geben.

Im Gegensatz zum klassischen Vorlesen steht beim Dialogischen Lesen die Kommunikation zwischen einem Erwachsenen und einem oder mehreren Kindern über ein Buch im Vordergrund. Das Kind übernimmt die Rolle der ErzählerIn der Geschichte und die Erwachsenen sind die aktiven ZuhörerInnen.

Sie stellen Fragen, regen durch Impulse zum Nachdenken an, ergänzen und erweitern die Aussagen des Kindes. Erwachsene ermuntern das Kind seine eigenen Gedanken in Worte zu fassen. Zusätzlich können sie immer wieder einen Alltagsbezug herstellen. Sie zeigen ihre Freude, wenn das Kind über das Buch und die Bilder mit eigenen Worten zu sprechen beginnt. Wesentlich sind die Beiträge des Kindes und es kann durchaus passieren, dass das Bilderbuch eine andere, eine neue Geschichte erhält.

KLASSISCHES VORLESENDIALOGISCHES VORLESEN
Erwachsener eher gleichbleibend aktiv, liest vorErwachsener anfangs aktiv, stellt Fragen,
gibt verstärkt Impulse, dann zunehmend passiver
Kinder eher gleich bleibend passiv, kaum Interaktion zwischen Erwachsenem und KindernKinder aktiv, zunehmende Aktivität der Kinder, ständige Interaktion zwischen Erwachsenem
und Kindern
Beiträge der Kinder störenBeiträge der Kinder sind ausdrücklich erwünscht
Beiträge der Kinder werden nur kurz kommentiertBeiträge der Kinder werden aufgegriffen,
integriert und erweitert

(http://www.berufsbildung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/fs/download/professionnalisierungskonzept.pdf: 134)

 

Anregungen zum Dialogischen Lesen

Um ein Buch in der Eltern-Kind-Gruppe gemeinsam zu „lesen“, braucht es den passenden Zeitpunkt. Eltern und Kinder müssen interessiert und aufmerksam sein und sich gemeinsam einer Sache zuwenden können. Die Eltern-Kind-GruppenleiterIn nimmt das Bilderbuch und bittet die Eltern, sich mit den Kindern gemütlich so zu setzen, dass alle gut sehen können. Sie bittet die Eltern zuzuhören und beim Sprechen den Kindern den Vortritt zu lassen. Sie schlägt das Buch auf und fragt in die Runde: „Was sehen wir da?“ Nun können die Kinder aktiv werden und den weiteren Verlauf mitgestalten. So entsteht ein Dialog zwischen Kindern, Eltern, GruppenleiterIn und Bilderbuch. Die GruppenleiterIn wechselt von der VorleserIn zur ModeratorIn: Sie wiederholt Antworten und greift Aussagen auf. Sie ermuntert, fasst zusammen und stellt Fragen. Bei der Auswahl des Bilderbuches und der Strategien des Dialogischen Lesens berücksichtigt sie den Entwicklungsstand der Kinder, das aktuelle Interesse und die Gesamtsituation der Gruppe.

 

Hilfreiche Strategien bei Kleinkindern

  • Offene Fragen

Fragen stellen, die das Kind ermutigen, über das Buch zu sprechen. „Was siehst du? Was passiert da?“

 

  • Einfache W-Fragen

Was-, Wo- und Warum-Fragen einbauen. „Was ärgert die Maus?“

 

  • Wiederholung

Aussagen des Kindes zustimmend wiederholen. Einzelne Wörter oder Zweiwortsätze des Kindes mit einem erweiterten kurzen Satz wiederholen. Wenn nötig Hilfestellung geben und so dem Kind vermitteln, dass man seine Aussage verstanden hat.

 

Zusätzliche Strategien bei Kindern ab 4 Jahren

  • Erinnerung

Fragen stellen, die das Kind auffordern, sich an ein bestimmtes Detail zu erinnern. „Weißt du noch, worüber sich die Mäuse gestritten haben?“

 

  • Differenzierung

Fragen formulieren, die das Kind veranlassen, über Einzelheiten des Buches zu sprechen. „Wie haben die Mäuse den Streit gelöst?“

 

  • Feedback

Richtige Äußerungen des Kindes positiv verstärken. Fehlerhafte Äußerungen indirekt korrigieren. „Die haben sich immer so gestreitet.“ – „Genau, das waren die Mäuse, die sich immer so gestritten haben.“

 

  • Erweiterung

Äußerung des Kindes wiederholen und durch zusätzliche Informationen ergänzen. „Die Mäuse haben sich immer gestritten.“ – „Die Mäuse haben sich um das Futter, die Kieselsteine und die Blätter gestritten.“

 

  • Ergänzung

Erzählpausen machen, die das Kind auffordern, ein Wort zu ergänzen bzw. einen Satz zu vervollständigen. „In der Höhle schliefen drei …“

 

  • Verknüpfung

Fragen formulieren, die das Kind veranlassen, das Geschehen im Buch mit eigenen Erlebnissen zu verknüpfen. „Hast du dich auch schon mal mit jemandem gestritten?“

 

  • Wiederholung

Aussagen oder Fragen verwenden, die das Kind ermutigen, vom Erwachsenen eingebrachte neue Wörter zu wiederholen.

„Erzähl mir noch mal, worum die Mäuse sich gestritten haben!“ – „Um Futter, Kieselsteine und Grashalme.“

(http://www.berufsbildung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/fs/download/professionnalisierungskonzept.pdf:137f )

 

Zeitrahmen

Wie weit ein Buch im Dialogischen Lesen entdeckt wird und wie lange das gemeinsame Anschauen dauert, entscheiden die Kinder mit ihrem Interesse. In der Eltern-Kind-Gruppe muss die LeiterIn ein Mittelmaß finden.

In der Familie können Eltern individuell auf das Tempo ihres Kindes eingehen. Es geht darum, gemeinsam Spaß zu haben und neue, positive Erfahrungen im Umgang mit Büchern zu machen. Das Kind erfährt, dass man sich Zeit für es nimmt und dass es ernst genommen wird. In einem geschützten Rahmen kann es sich mit Sprache und Sprechen auseinandersetzen, kann neue, positive Erfahrungen sammeln, daran wachsen und sich weiter entwickeln.

Hier gehts zu einem Kurzvideo: https://www.youtube.com/watch?v=RPt2R4QUfqI

Praxistipp

Damit alle gut sehen können und mehr Handlungsspielraum haben, kann das Bilderbuch in einzelne Seiten zerlegt und foliert werden. Die Seiten können einzeln angeschaut und von den Kindern auch berührt werden. Besonders spannend ist das Ansehen der Bilder in einem Erzähltheater z. B. einem Kamishibai.

 

Literatur

Kraus, Karoline, Dialogisches Lesen – neue Wege der Sprachförderung in Kindergarten und Familie. Aus: Susanna Roux (Hrsg.): PISA und die Folgen: Sprache und Sprachförderung im Kindergarten. Landau: Verlag Empirische Pädagogik 2005, 109-129.

http://www.berufsbildung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/fs/download/professionnalisierungskonzept.pdf: 130 – 139, 344 ff [Zugriff am 9.1.2013].

http://www.kindergartenpaedagogik.de/1892.html [Zugriff am 9.1.2013].

 

Weitere Infos

Lesen im Dialog, Sprach- und Persönlichkeitsförderung in Kinderkrippe, Kindergarten und Kinderhort, DVD erschienen im Finken Verlag

Susanne Brandt, Helga Gruschka: Mein Kamishibai. Das Praxisbuch zum Erzähltheater, Don Bosco Medien GmbH