Familienzusammensein

Eltern-Kind-Gruppen und Spracherwerb

Der Sprach- und Lesebaum – ein Praxiskonzept für das Thema Sprach- und Leseentwicklung in Eltern-Kind Gruppen

 

Theorie

Sprechen und Lesen lernen sind sehr komplexe Vorgänge. Die gesamte Wahrnehmung, die Bewegungsfähigkeit, das Denken, die Atmungs- und Stimmorgane, sowie die sozialen und emotionalen Fähigkeiten des Kindes müssen zusammenarbeiten, damit Verstehen, sich Mitteilen und schließlich das Lesen gelingen. Mehrere Entwicklungsbereiche verlaufen parallel und beeinflussen sich gegenseitig, damit das Kind seine Sprach- und Lesefähigkeit entfalten kann. Bilder erleichtern oft das Verstehen von Entwicklungszusammenhängen. So wird hier das Bild des Sprachbaumes  von Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt (vgl. Wendlandt 2000: 10ff ) aufgegriffen und zu einem Sprach- und Lesebaum weiterentwickelt. Dieses Bild macht es einfacher Eltern die komplexe Ganzheitlichkeit der Sprach- und Leseentwicklung näher zu bringen.

 

Der Sprach- und Lesebaum
  • Wurzeln

Viele Organe müssen angelegt und entwickelt sein, damit Sprechen und Lesen gelingen. Wir benötigen die Sinnesorgane, die Atmungsorgane, Kehlkopf und Mund. Für die Körpersprache sind viele Muskeln wichtig, ebenso fürs Umblättern des Bilderbuches. Wir sprechen von der Wurzel der anatomischen Voraussetzungen.

Eine weitere Wurzel mit Verzweigungen ist die Wahrnehmung. Wir hören die Stimme und Sprache des Gegenübers, wir sehen die Mundbewegungen, Bilder und Symbole und mittels Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn bekommen wir weitere Information über die Beschaffenheit von Dingen und Lebewesen.

Die Wurzel der Bewegungsfähigkeit trägt zum Sprach- und Leseerwerb bei. Dass wir die Kehlkopf- und Mundmuskulatur benötigen, ist für uns selbstverständlich. Bei Babys und Kleinkindern ist zu beobachten, dass sie zuerst Dinge tun, dann die Bezeichnung dafür verstehen und schließlich dieses Wort selbst sprechen. Über Greifen entsteht „Begreifen“. Bei älteren Kindern besteht ein klarer Zusammenhang von Handgeschicklichkeit und Sprachgeschicklichkeit.

Das Zusammenwirken der Bewegungswurzel und der Wahrnehmungswurzel wird als sensomotorische Integration bezeichnet und ist für den Sprach- und Leseerwerb unverzichtbar.

Eine weitere Wurzel ist die „räumliche Intelligenz“ (Gardner 2005: 160), die sich durch die Vernetzung von Sinneseindrücken und Bewegungen ergibt. „Durch diese figural-räumliche Kompetenz sind Menschen in der Lage Gegenstände in ihrem Aussehen und ihrer räumlichen Ausdehnung sowie in ihren Bewegungen und räumlichen Beziehungen zueinander zu erfassen.“ (vgl. Largo 2002: 192) Durch diese Fähigkeit kann das Kind ein Bilderbuch richtig halten, Bilder von Gegenständen und schließlich Buchstaben unterscheiden. So unterscheiden sich die Buchstaben b, p, d, und q nur durch die Lage des geraden Striches und der dazugehörigen Kugel.

Das individuelle Temperament ist eine weitere Wurzel. Jedes Kind hat seine persönliche Art, wie es an Mitmenschen und an die Welt herangeht. Manche Kinder beginnen mit ruhiger, ausführlicher Beobachtung mit Mama oder Papa im Hintergrund. Aufmerksam und gleichzeitig vorsichtig nähern sie sich Neuem. Wenn es ihnen zu viel wird, ziehen sie sich rasch zurück. Andere gehen risikofreudig bis stürmisch auf Neues zu und wechseln schneller zum nächsten Angebot. Diese individuelle Eigenart ist angeboren und das Kind entwickelt sich am besten, wenn sein Temperament berücksichtig wird.

Eine weitere Wurzel sind die kognitiven Fähigkeiten. Ab sechs Monaten beginnen Kinder zu erkennen, dass Wörter eine Bedeutung haben. Sie erkennen den Zusammenhang zwischen dem Wort und dem Gegenstand bzw. einer Person. Das Wort Mama gehört zu meiner Mutter. Das Wort Ball gehört zu dem runden Ding, das Papa zu mir rollt. Die Fähigkeiten, Symbole zu erkennen und selbst Symbole gedanklich zu bilden, entwickeln sich ständig weiter. So verbindet das Kind das Wort Ball schließlich mit den unterschiedlichsten Bällen und auch mit der zweidimensionalen Abbildung eines Balles im Bilderbuch. Parallel nimmt die Merkfähigkeit zu und das im Gehirn abgespeicherte „Wörterbuch“ wird laufend erweitert.

Sprechen und Lesen werden in Beziehung gelernt und die angeborenen sozialen Fähigkeiten stellen eine weitere Wurzel dar. Das Kind hat das Bedürfnis, sich an einen Menschen zu binden, ihn nachzuahmen und von ihm zu lernen. Es will mit anderen Kindern in Kontakt kommen und mit ihnen spielen.

Die emotionalen Fähigkeiten sind eine weitere Wurzel des Sprach- und Lesebaumes. Wenn mit dem Kind gesprochen oder ein Bilderbuch angeschaut wird, wenn es eine CD hört oder andere Kinder beobachtet, so entstehen im Kind Gefühle. Diese muss es wahrnehmen, ausdrücken und verarbeiten können. Ist es z. B. mit einem pädagogisch wertvollen Bilderbuch emotional überfordert, so kann es davon nicht lernen, sondern erlebt negativen Stress.

Bei einem Baum brauchen die Wurzeln im Erdreich gleich viel Platz wie die Äste der Baumkrone in der Luft. Dies gilt symbolisch auch für die Sprach- und Leseförderung bei Kindern. Die Wurzeln benötigen ebenso sorgfältige Pflege wie die direkte Sprach- und Leseförderung.

 

  • Stamm

Der Stamm eines Baumes verbindet Wurzeln und Krone und ermöglicht den Transport der Nährstoffe. Für den Sprach- und Leseerwerb ist dies die Sprech- und Lesefreude. Dazu zählt die Freude, die eigene Stimme zu hören, der Stimme von Mama und Papa und anderen Kindern zu lauschen, singen und lachen zu können. Es macht ebenso Freude, erzählen zu können und verstanden zu werden sowie die Erkenntnis mit der eigenen Sprache etwas bewirken zu können.

 

  • Krone

Zur Krone des Sprach- und Lesebaumes gehören vier Äste mit jeweils mehreren Verzweigungen, die sowohl für die Erstsprache als auch für eine Zweit- oder Fremdsprache gelten.

Der Ast des Sprachverständnisses umfasst alle Fähigkeiten des Verstehens. Den passiven Wortschatz, grammatikalisches Verständnis und das Erfassen des Inhalts.

Der Ast der Sprachfähigkeit umfasst den aktiven Wortschatz, die richtige Aussprache und die grammatikalische Anordnung der Wörter.

Die Kommunikationsfähigkeit ermöglicht dem Kind, Zusammenhänge zu verstehen und sich persönlich mitzuteilen. Es kann in der Botschaft eines anderen heraushören, was „zwischen den Zeilen“ gemeint ist. Zu den kommunikativen Fähigkeiten zählen auch die Verhandlungskompetenz und die Möglichkeiten mit Sprache Konflikte zu regeln bzw. zu lösen.

Zum Ast der Lesefähigkeit zählen das Erfassen von Bildern und Symbolen und in Folge das Verstehen ganzer Wortbilder, einzelner Buchstaben und Zahlen. Die Entwicklungsschritte des Geschichtenerzählens von „Zwei-Ereignis-Erzählungen“ bis zum Verfassen von Geschichten mit Anfang, Höhepunkt und Ende, gehören ebenfalls dazu.

 

  • Umgebungsbedingungen

Ein Baum steht immer in einer bestimmten Umgebung. Wie gut er sich entwickeln kann, hängt vom Erdreich ab, in das er eingewurzelt ist, von der Regenmenge und dem Ausmaß an Sonnenlicht. Wenn Erdreich, Regen und Sonne gute Entwicklungsbedingungen schaffen, kann sich der Baum anders entfalten, als wenn er Mangel leidet oder von Regen oder Sonnenstrahlen zu viel bekommt. Die individuelle Anlage und Entwicklung des Baumes und die Umweltbedingungen beeinflussen sich wechselseitig.

 

  • Giesskanne

Eltern haben vielfältige Möglichkeiten  die Sprach- und Leseentwicklung ihres Kinder im Alltag zu fördern. Dazu gehören z.B.:

  • Bewegungs- und Sinnesangebote im Alltag schaffen
  • Alltagshandlungen sprachlich begleiten (beschreiben) z.B. Pflegetätigkeiten, Haushaltstätigkeiten, Gartenarbeiten, Einkaufen …
  • dem Kind zuhören und ihm zeigen, dass man es versteht
  • gemeinsam singen
  • Fingerspiele und Reime bei Autofahrten und Wartezeiten einbauen
  • Bilderbücher vorlesen
  • dialogisches Lesen von Bilderbüchern
  • Fotos anschauen und über Erinnerungen sprechen
  • Kinder bei der Vorbereitung von Festen und Ausflügen mitmachen lassen
  • Feste und Ausflüge nachbereiten und dadurch die Erzähl- und Merkfähigkeit fördern
  • über eigene Gefühle und die Gefühle des Kindes ebenso reden wie über Tatsachen
  • in die Gute-Nacht-Geschichte den Tagesablauf einbauen

 

Praxis

Sprache wachsen lassen
  • Einstimmung

Die GruppenleiterIn nimmt die vorbereiteten Elemente des Sprach- und Lesebaumes und gestaltet daraus ein Bild auf einer Pinnwand, Wand, Türe oder am Boden. Sie gibt die für die aktuelle Gruppe wichtigen Informationen (siehe oben) dazu.

 

  • Durchführung

Die GruppenleiterIn lässt die TeilnehmerInnen je nach Gruppengröße zu zweit oder zu dritt zusammenarbeiten. Jede Gruppe bekommt eine aus Papier ausgeschnittene Gießkanne und Stifte. Sie bittet die Eltern, sich gegenseitig zu erzählen, was sie im Alltag tun, um die Sprach- bzw. Lesefähigkeit ihres Kindes zu fördern. Sie sollen dabei an die Wurzeln, den Stamm und die Äste der Baumkrone denken. Auf der Gießkanne werden Stichworte zu Alltags- und Spielaktivitäten notiert, die zur Sprach- und Leseförderung beitragen. Nach ca. 15 Minuten zeigen die TeilnehmerInnen in der Großgruppe ihre Gießkannen und berichten zu den wichtigsten Stichworten. Die GruppenleiterIn ergänzt eventuell wichtige fördernde Möglichkeiten.

 

  • Abschluss

Jede Mutter/jeder Vater bekommt eine kleine Gießkanne oder einen kleinen Baum, auf dem sie/er notieren kann, worauf sie/er besonders achten möchte.

 

  • Variationen

Da in der Eltern-Kind-Gruppe meist nicht sehr viel Zeit für Informationen ist, kann die GruppenleiterIn die Informationen zum Sprach- und Lesebaum ganz auf die aktuelle Situation der Gruppe abstimmen und dadurch kurz halten. Sie wählt die Infos aus, die für den Entwicklungsstand der Kinder in der Gruppeaktuell wichtig sind. Es ist möglich, mit dem  Sprachbaum zu beginnen und den Ast der Lesefähigkeit später bei einem weiteren Treff en zu ergänzen.

Beim „Füllen“ der Gießkannen können die Teilnehmenden in den Kleingruppen entweder den gesamten Baum im Blick haben oder sich arbeitsteilig einzelnen Baumabschnitten zuwenden. Dabei kann sich eine Kleingruppe mit einer oder mehreren Wurzeln, eine andere mit einem Ast usw. befassen. Beim Bericht der Ergebnisse werden die Gießkannen zum entsprechenden Teil des Baumes gelegt.

 

Literatur

Gardner, Howard (2005): Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen. 4. Aufl age. Stuttgard: Klett-Cotta.

Largo, Remo H. (2002): Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. 5. Aufl age. München: Piper.

Wendlandt, Wolfgang (2000): Symbol Sprachbaum. In: Forum Logopädie (Hg): Springer, Luise/ Schrey-Dern, Dietline: Sprachstörungen im Kindesalter. Materialien zur Früherkennung und Beratung. 4. Aufl age. Stuttgard, New York: Thieme: 10 – 18.

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Christine Kügerl
Christine Kügerl, geb. 1958, Dipl. Elternbildnerin, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Ausbildungsreferentin für ElternbildnerInnen
  • 1903 Wörter
  • 8 Minuten Lesen
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