Familienzusammensein

Kinder wollen Vielfalt nicht nur rosarot und himmelblau

Was gendersensible Erziehung bedeutet und warum sie so wichtig ist.

Kinder brauchen keine festgelegten Geschlechterrollen.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem reichhaltigen Buffet und legen verschiedene gute Sachen auf Ihren Teller. Da nimmt Ihnen jemand den Teller weg und sagt: „Das dürfen Sie nicht essen, das ist nur für Frauen (oder Männer)!“ Klingt absurd? Ist es auch. Trotzdem passiert genau das im Alltag unserer Kinder. Wir schreiben Mädchen „weibliche“ und Jungen „männliche“ Eigenschaften und Charakterzüge zu. Wir unterstützen das eine Verhalten und bremsen das andere.
Kinder sind von Geburt an wissbegierig und speichern täglich unzählige neue Erfahrungen und Informationen ab. Sind diese vermehrt einseitig, bekommen Kinder den Eindruck, sich aufgrund ihres Geschlechtes auf eine bestimmte Art verhalten zu müssen. Damit Kinder zu selbstbewussten und selbstsicheren Menschen heranwachsen können, brauchen sie Vielfalt. Es ist die Aufgabe von Erwachsenen, ihnen diese Vielfalt zu zeigen und vorzuleben.

Geschlecht – Sex – Gender

Wer sich mit dem Thema gendersensible Erziehung näher befasst, kommt um ein paar Begriffsdefinitionen nicht herum. Das gilt besonders für den deutschsprachigen Raum, denn das deutsche Wort Geschlecht beinhaltet zwei Bedeutungen:

  • Das biologische Geschlecht (im Englischen „sex“) meint die sogenannten primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, die uns per biologischer Definition zu einem Mann oder einer Frau machen.
  • Das soziale Geschlecht (im Englischen „gender“) beschreibt Eigenschaften, Rollen, Verhaltensweisen und Vorstellungen die mit weiblich oder männlich verknüpft werden. Gender ist nicht statisch, sondern verändert sich laufend. Ein Beispiel dafür: Babypflege war früher eine rein weibliche Aufgabe und Verhaltensweise. Heute ist es kein ungewöhnliches Bild mehr, wenn ein Mann ein Baby wickelt oder mit dem Kinderwagen spazieren geht. Gender ist außerdem kulturabhängig und mitunter länderspezifisch.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht ist: das soziale Geschlecht ist NICHT angeboren. Es wird erlernt und nachgeahmt.

 

Die Rolle der Erziehung

Für die gendersensible Erziehung gibt es mehrere geringfügig unterschiedliche Begriffe, etwa: genderbewusst, geschlechtersensibel, geschlechtergerecht, gendergerecht. Sie alle meinen und fordern aber das Gleiche:

  • Jedes Kind soll unabhängig von seinem biologischen Geschlecht bestärkt, gefördert und unterstützt werden.
  • Kein Kind soll aufgrund seines biologischen Geschlechts in seiner Entwicklung eingeschränkt oder behindert werden.

Die meisten Menschen, die mit Kindern leben und arbeiten, werden bei diesen beiden Punkten zustimmend nicken und Dinge sagen wie „Das ist ja selbstverständlich.“ oder auch „Da gibt es doch gar keine Diskussion, Gleichberechtigung gehört doch dazu.“ Aber tatsächlich ist es nicht ganz so einfach. Einerseits tragen wir alle unsere gelernten und erfahrenen Bilder von männlich und weiblich in uns – manche davon sind vielleicht längst veraltet oder überholt, aber wir können sie nicht einfach „löschen“. Andererseits sind wir heute intensiver denn je von Gendermarketing umgeben, in der Werbung und in sämtlichen Medien. Das Gendermarketing bedient sich wiederum ganz stark bei alten, traditionellen Rollenbildern – ein rosablauer Teufelskreis, sozusagen.

 

Was ist Gendermarketing?

Almut Schnerring und Sascha Verlan beschreiben in ihrem (sehr empfehlenswerten) Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ und auf der dazugehörigen Website Gendermarketing so:

„Gendermarketing schafft zwei Zielgruppen, Männer und Frauen, Mädchen und Jungen, wo vorher nur eine war, um den Umsatz eines Unternehmens zu steigern. Das gelingt, indem den beiden Gruppen unterschiedliche Bedürfnisse zugeordnet werden (emotional, biologistisch begründet, damit wir sie glauben. Durchaus nicht wissenschaftlich belegt!) und, indem die Produkte oder ihre Verpackungen (also nicht unbedingt der Inhalt) sich unterscheiden, sodass jede Gruppe erkennt, welches das „richtige“ Produkt für sie sei. Entweder, indem es in Worten draufsteht, (nur für Jungs! Nur für Mädchen!) oder, indem es durch Bilder, Symbole, Formen und Farben gelabelt wird (rosa und Einhorn für Mädchen, blau und Drache für Buben).“

 

Problematisch am Gendermarketing sind vor allem zwei Dinge:

Erstens: Kinder (je jünger sie sind, desto stärker trifft das zu) kennen das Prinzip Werbung nicht. Für sie ist es schlicht und einfach ein Teil ihrer Welt, sie nehmen es ungefiltert auf. Je öfter sie also Bilder sehen, auf denen Mädchen mit Puppen spielen, desto klarer wird für sie: „Aha, Mädchen und Puppen gehören zusammen.“ Oder auch, wenn sie älter sind: „Da steht „für Buben“ drauf, ich bin ein Bub, also ist es für mich.“

Zweitens: Auch Erwachsene sind von dem schier unendlichen Angebot oftmals überfordert. Wenn die Tante für ihren Neffen zum Geburtstag ein Puzzle kaufen will, steht sie vielleicht vor einem riesigen Regal und hat keine Ahnung, für welches Motiv sie sich entscheiden soll. Da erscheint es irgendwie hilfreich und logisch, wenn sie sich zumindest nur noch die „Bubenpuzzles“ durchsehen muss. Die Auswahl ist immer noch groß, aber so falsch kann sie jetzt ja nicht mehr liegen, wenn sie ihrem Neffen ein Puzzle kauft das eindeutig „für Buben gemacht“ ist.

Unternehmen setzen auf diese beiden Punkte und machen damit sehr viel Geld. Diese Tatsache sollte man sich immer vor Augen halten (auch wenn die Verantwortlichen oft das Gegenteil beteuern): es geht ums Geld. Nicht um KundInnenwünsche oder Interessen der Kinder. Es geht darum, dass eine Familie mit zwei Kindern unterschiedlichen Geschlechts mitunter doppelt so viele Dinge kauft, anstatt etwa die Schwester mit dem blauen Fahrrad des großen Bruders fahren zu lassen.

 

Wie entstehen Rollenbilder und Klischees?

Gendermarketing setzt auf Bilder, die bereits in uns vorhanden sind. Dinge, von denen wir leichtfertig sagen „Ja, das ist eben typisch Bub. Ach, das machen einfach alle Mädchen so.“ Aber wie entstehen diese Bilder in unseren Köpfen? Drei verschiedene Ebenen spielen hier eine Rolle – im Folgenden illustriert am Beispiel „Mädchen spielen am liebsten mit Puppen.“

  • Persönliche Erfahrung und Prägung: Hatte ich als Frau eine Puppe als Kind? Habe ich gern damit gespielt? Meine Freundinnen hatten Puppen, wir haben mit ihnen gespielt. Es gibt Fotos, auf denen ich meine Puppen füttere. Ich verbinde positive Dinge damit.
  • Aktuelles persönliches Umfeld: Verwandte, Freunde, Arbeitsumfeld, Betreuungsumfeld meiner Kinder. Die Oma schenkt der Enkelin eine Puppe und freut sich. Ein Freund bietet meiner Tochter beim Besuch an, mit einer Puppe zu spielen. Eine Freundin meiner Tochter hat viele Puppen. Im Kindergarten gibt es eine Puppenecke, in der nur Mädchen spielen.
  • Gesellschaftliches Umfeld: In Büchern, Hörspielen und Fernsehsendungen spielen Mädchen mit Puppen, Jungen nicht (oder kaum). In Spielzeugkatalogen haben Mädchen die Puppen in der Hand.

Alle diese Ebenen stehen in Beziehung miteinander, sie wirken und funktionieren vernetzt. Sind wir von einem Klischee umgeben, dann handeln wir – oft unbewusst – auch danach. Wir zeigen der Tochter im Spielzeuggeschäft als erstes die Puppen, weil uns dieses Bild bereits vertraut ist. Wir lächeln zustimmend, wenn sie eine Puppe streichelt. Wir schenken ihr mehr Aufmerksamkeit beim Puppenspiel als beim Spiel mit einem Auto. Wir sagen Dinge wie „Du bist ja schon eine richtige Puppenmama.“ Besonders schwierig daran ist: die Ebenen kann man nicht voneinander trennen. auch wenn ich meiner Tochter ein Auto kaufe – wenn Oma und Tante darüber den Kopf schütteln, wird das vom Kind wahrgenommen und es passt das Verhalten an.

 

Die Auswirkungen

Wenn man sich nun all diese Dinge im Alltag der Kinder bewusst macht und kritisch hinschaut, kann man die Geschlechtertrennung nicht mehr ignorieren. Man könnte aber fragen: Was ist denn jetzt so schlimm daran? Sollen doch die Mädchen mit Puppen spielen und die Buben mit Autos!

Tatsächlich steckt aber viel mehr dahinter. Denn wir defnieren nicht nur verschiedenes Spielzeug als männlich oder weiblich, sondern auch Verhaltensweise, Talente, Charaktereigenschaften und Interessen. Und hier beginnt die massive Einschränkung der Kinder. Es gibt Untersuchungen in Kindergärten, die gezeigt haben: Jungen werden öfter dazu aufgefordert sich zu bewegen, zu rennen und zu springen bzw. werden sie seltener dabei eingebremst. Mädchen werden eher aufgefordert etwas zu malen und zu basteln und stärker ermuntert, auch dabei zu bleiben. Mädchen werden länger und öfter getröstet als Buben, dafür wird aggressives Verhalten bei Mädchen schneller gebremst als bei Buben. Diese Liste lässt sich lange fortsetzen und es muss wahrscheinlich nicht extra erwähnt werden, dass all diese Dinge letzten Endes Auswirkungen auf die Berufswahl und auf viele andere Lebensentscheidungen haben können.

Die rosa-hellblau-Welt beginnt schon bei den ganz Kleinen. Was wohl passiert, wenn ein Mädchen einen blauen Muffin isst?

 

Was tun?

Gendersensible Erziehung bedeutet, kritisch und mutig zu sein. Verhaltensweisen, Zuschreibungen, Rollenbilder zu hinterfragen – auch gemeinsam mit den Kindern! Den Fokus von „männlich oder weiblich“ wegzulenken und jedes Kind ganz für sich wahrzunehmen. Mit seinen – und ihren – Eigenheiten, Interessen und Talenten. Dann wird aus „Ahja, sie ist halt ein ganz typisches Mädchen.“ hoffentlich ein „Schau, das ist doch ganz typisch Isabella, oder?“

Almut Schnerring und Sascha Verlan haben gemeinsam mit dem Verein Let toys be toys ein Poster entwickelt, auf dem es tolle Tipps und Hinweise gibt, die sich einfach umsetzen lassen:

Quelle: https://rosa-hellblau-falle.de/wp-content/uploads/2018/10/LTBT_german.jpg

 

Außerdem gibt es einen wunderbaren Artikel, der Tipps für Gespräche innerhalb der Familie gibt, wenn es um das Thema Gendersensible Erziehung geht:

https://rosa-hellblau-falle.de/2018/12/tipps-fuer-gespraeche/

Ein Satz, der die Bemühungen von gendersensibler Erziehung sehr gut zusammenfasst (und mein ganz persönlicher Lieblingssatz zu diesem Thema ist) lautet:

Es geht nicht darum, dass unsere Töchter keine Prinzessinnen und unsere Söhne keine Ritter sein dürfen. Es geht darum, dass sie es nicht sein müssen. 

 

Vertiefende Infos

Zum Lesen:

 

Zum Anhören:

 

Zum Anschauen:

 

 Linktipps:

 

Spezialtipp für PädagogInnen und ElternbildnerInnen:

 

Literatur

Fine, Cordelia (2012): Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Stuttgart: Klett-Cotta.

Focks, Petra (2016): Starke Mädchen, starke Jungen. Genderbewusste Pädagogik in der Kita. Freiburg im Breisgau: Herder.

Schnerring, Almut und Verlan, Sascha (2014): Die Rosa-hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. München: Verlag Antje Kunstmann GmbH.

Walter, Melitta (2005): Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung. München: Kösel-Verlag GmbH & Co.

show details
Mag.a (FH) Julia Rust
Journalistin und Kommunikationsexpertin, hauptberuflich Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Graz, ausgebildete Erwachsenen- und Elternbildnerin, Themenschwerpunkt gendersensible Erziehung https://www.facebook.com/gender.gerecht.sensibel/
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