Familienzusammensein

Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der Eltern-Kind-Gruppe

„Sprache ist ein Angebot – zuerst ein Beziehungsangebot vom Erwachsenen an das Kind, und bereits erstaunlich früh vom Kind an die ihm vertrauten Menschen, die sich ihm zuwenden.“ (Haug-Schnabel/Bensel 2012: 1)

 

Theorie

Die Gestaltung von Eltern-Kind-Gruppen bietet vielfältige Möglichkeiten. Je nach Interesse der  TeilnehmerInnen, der GruppenleiterInnen oder der VeranstalterInnen (Pfarrgemeinde, Gemeinde, Eltern-Kind-Zentrum, usw.) können ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. So gibt es Eltern-Kind-Gruppen für spezielle Zielgruppen, z. B. für Familien mit Kindern von ein bis zwei Jahren oder für Familien mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Auch inhaltliche Aspekte können in einer Eltern-Kind-Gruppe besonders betont werden, z. B. Musik, Bewegung, Kreativität, Natur erleben. Mehrsprachigkeit und Interkulturalität ist eine Bereicherung. Um solche Gruppen zu leiten braucht es Modelle und Methoden.

Ein sehr interessanter und bereichernder Schwerpunkt in Eltern-Kind-Gruppen sind die unterschiedlichen Muttersprachen und Kulturen der teilnehmenden Familien. Die Multikulturalität in Eltern-Kind-Gruppen spürbar und erlebbar zu machen, ist ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Familien aus verschiedenen Kulturen haben in einer gleichbleibenden Gruppe über einen längeren Zeitraum hinweg die Möglichkeit, einander besser kennen zu lernen, Vorbehalte abzubauen und freundschaftliche Beziehungen über die Eltern-Kind-Gruppe hinaus zu pflegen. Eltern-Kind-Gruppen bieten deshalb eine große Chance für interkulturelle Verständigung. Über die eigene Kultur und Sprache hinaus verbindet Familien mit Kleinkindern eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Interesse, nämlich die Kinder bestmöglich ins Leben zu begleiten. Die dabei auftretenden Freuden und Schwierigkeiten sind größtenteils kulturunabhängig.

 

Interkulturelle Eltern-Kind-Gruppen

Hier bringen Familien mit unterschiedlichen Muttersprachen und aus unterschiedlichen Kulturen sehr gerne ihre Ideen ein. Zum Beispiel bringt eine türkischsprachige Familie allen TeilnehmerInnen ein türkisches Lied oder Fingerspiel bei. Eine bosnische Mutter bringt zur Jause bosnische Spezialitäten mit. Ein Vater mit englischer Muttersprache liest gemeinsam mit der GruppenleiterIn ein Bilderbuch in Englisch und Deutsch vor. Die „Alltagssprache“ in interkulturellen Gruppen ist Deutsch. Idealerweise wird eine interkulturelle Eltern-Kind-Gruppe im Duo (eine Leiterin mit deutscher und eine Leiterin mit nicht-deutscher Erstsprache) geleitet.

Um dem Gruppenverlauf gut folgen zu können, ist es wichtig, dass die erwachsenen TeilnehmerInnen Deutsch verstehen und sprechen können.

In der Gestaltung der interkulturellen Eltern-Kind-Gruppe wird darauf geachtet, immer wieder Bezug zu den vorhandenen Sprachen herzustellen. Sei das mit einem türkischen Tanz, mit einem englischen Lied oder mit ein und demselben Kniereiter in verschiedenen Sprachen.

 

Migrantische Eltern-Kind-Gruppen

Für Mütter und Väter nicht deutscher Muttersprache, die im Verstehen und im Ausdruck der deutschen Sprache unsicher sind, kann ein erster Schritt in eine sogenannte „migrantische“ Eltern-Kind-Gruppe sehr wertvoll und hilfreich sein. Hier sprechen alle TeilnehmerInnen dieselbe Muttersprache, z. B. russisch oder spanisch. Vor allem im Austausch über Erziehungsthemen, die mit vielen Gefühlen verbunden sind, ist es wichtig, in der eigenen Muttersprache sprechen zu können.

Über deutschsprachige Lieder, Reime, Fingerspiele, Kniereiter, usw. bekommen Eltern und Kinder oft einen unkomplizierten und lustvollen Zugang zur deutschen Sprache. Migrantische Eltern-Kind-Gruppen werden von GruppenleiterInnen aus dem jeweiligen Kulturkreis geleitet, die die entsprechende Muttersprache und Deutsch beherrschen. Unterlagen zu Erziehungsthemen sowie Infomaterial von Beratungsstellen etc. werden wenn möglich zweisprachig zur Verfügung gestellt.

 

Wie entstehen mehrsprachige oder interkulturelle Eltern-Kind-Gruppen?

Wie bei allen Eltern-Kind-Gruppen mit speziellen Schwerpunkten ist es hier wichtig, dass Interkulturalität den GruppenleiterInnen ein Herzensanliegen ist. Nur so wird es gelingen, Familien mit verschiedenen Sprachen und unterschiedlichen kulturellen Hintergründen in die Eltern-Kind-Gruppe einzuladen. Offenheit und das Voneinander-Lernen-Wollen spiegeln sich auch in der Zusammensetzung der Leitung von interkulturellen Gruppen wieder. Idealerweise finden eine GruppenleiterIn mit deutscher und eine mit nicht deutscher Muttersprache zusammen. Das GruppenleiterInnenpaar verkörpert so den interkulturellen Schwerpunkt. Bei der Bewerbung interkultureller oder auch migrantischer Eltern-Kind-Gruppen können Bilder aus den jeweiligen Kulturen sehr einladend wirken.

 

Praxis

Sehr bereichernd und zielführend sowohl auf organisatorischer als auch auf inhaltlicher Ebene, besonders aber für den Start von migrantischen und interkultruellen Eltern-Kind-Gruppen sind Kooperationen mit lokalen Institutionen und Vereinen.

 

  • mit Gemeinden bzw. Städten

Engagierte Personen in der Gemeinde- oder Stadtverwaltung, die sich speziell dem Thema Integration und/oder Familie widmen, können beim Kontakteknüpfen zu migrantischen Vereinen oder Einzelpersonen oder bei der Suche nach Räumlichkeiten unterstützend sein. So ist beispielsweise für die Marktgemeinde Nenzing die interkulturelle Eltern-Kind-Gruppe in vielfacher Weise ein Gewinn: „Bei einer ‚kulturellen‘ Durchmischung der Gruppe kommt es immer wieder zu interkulturellen Begegnungen und Lernsituationen. Unterschiedliche Erziehungsstile, Erwartungshaltungen, Wünsche oder Ängste der Eltern, die sich aus ihrer eigenen Sozialisation heraus ergeben, können kritisch hinterfragt werden.“, ist Gerlinde Sammer, zuständig für den Bereich Kindergarten, Schule und Familie dieser Vorarlberger Gemeinde überzeugt.

 

  • mit Kleinkindbetreuungseinrichtungen      

Eine migrantische oder interkulturelle Eltern-Kind-Gruppe kann eine gute Ergänzung zu einer Spielgruppe oder Kleinkinderbetreuungseinrichtung, einem Eltern-Kind-Zentrum oder einem Eltern-Kind-Treff sein, in denen Familien aus unterschiedlichen Kulturen begleitet werden. Die städtischen Spielgruppen (Anmerkung: hier werden Kleinkinder vor dem Kindergarteneintritt betreut, https://www.vorarlberg.at/pdf/spg-richtlinie_2015.pdf) in Dornbirn betreuen sehr viele Kleinkinder mit türkischem Migrationshintergrund. Mit dem Angebot einer migrantischen Eltern-Kind-Gruppe in den Räumen einer ihrer Spielgruppen verfolgen die Verantwortlichen mehrere Ziele:

  • Wissenserweiterung über Erziehungsthemen: die GruppenleiterInnen moderieren den Austausch der TeilnehmerInnen untereinander und geben zusätzliche Informationen
  • Erweiterung der Deutschkenntnisse von Eltern und Kindern durch deutschsprachige Lieder, Fingerspiele, Bilderbücher usw.
  • Erleichterung eines späteren Einstieges für Kinder in die Spielgruppe, indem sie die räumliche Umgebung schon kennen lernen.

 

  • mit Bibliotheken

Bibliotheken sind naturgemäß ein Ort an dem Sprache und Mehrsprachigkeit beheimatet sind. Kleinkindern und ihren Eltern den Zugang zu Büchern zu erleichtern, gelingt sehr gut mit einer migrantischen und/oder interkulturellen Eltern-Kind-Gruppe direkt in der Bibliothek.

Der Bibliothekar der Bücherei der Marktgemeinde Lustenau hat beispielsweise bei mehreren Einheiten einen Teil der dort stattgefundenen Treffen der interkulturellen Eltern-Kind-Gruppe mitgestaltet. Dabei wurden Bilderbücher auf spielerische Weise vorgestellt, z.B. in Form eines Bücherhindernislaufs.

 

Erfahrungsbericht aus einer interkulturellen Eltern-Kind-Gruppe

Monika Sutterlüty-Sampl leitet in der Stadt Dornbirn eine interkulturelle Eltern-Kind-Gruppe mit Familien aus 5 verschiedenen Ländern:

„Ich habe eine interkulturelle Gruppe gestartet, da es mir ein großes Anliegen ist, auch Eltern mit nicht deutscher Muttersprache und Flüchtlingsfamilien auf einfache Weise miteinander in Austausch zu bringen. Alle Eltern dieser Welt haben die gleichen Herausforderungen im Familienalltag und viele verschiedene Fragen und Antworten zu Erziehungsthemen. So wurden bei uns beispielsweise die Themen ‚Trotzphase‘, ‚Schlafen gehen‘ oder ‚Stillen‘ ausführlich diskutiert und besprochen. Dabei steht uns manchmal eine Dolmetscherin zur Verfügung, die unseren Austausch maßgeblich erleichtert. Wir haben alle in der Gruppe festgestellt, dass es enorm wichtig ist, unsere deutsche Sprache zu verstehen und zu sprechen. Durch die offene und herzliche Art aller TeilnehmerInnen sind die Elterngespräche sehr informativ, lustig und interessant.

Der Morgenkreis mit vielen Liedern, Instrumenten und Fingerspielen, das freie Spiel der Kinder mit meiner Helferin und das gemeinsame Frühstück tragen spielerisch dazu bei, dass die Kinder mit der deutschen Sprache vertraut werden und sie als selbstverständlich betrachten. Durch die vielen Wiederholungen haben auch sehr schüchterne Kinder die Möglichkeit, behutsam ihre Angst vor fremden Menschen und Situationen zu verlieren. Speziell für später, wenn sie dann die Spielgruppe, den Kindergarten oder die Schule besuchen bietet die ‚Purzelbaum Eltern-Kind-Gruppe‘ eine ideale Möglichkeit Selbstvertrauen zu bekommen und erste soziale Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Für die Flüchtlingsfrauen ist unser ‚Purzelbaum‘ eine wunderbare Abwechslung in ihrem manchmal tristen Alltag und sie können ihre sonstigen Themen für zwei Stunden beiseiteschieben und die Zeit mit ihren Kindern bei uns genießen.

 

Rückmeldungen der TeilnehmerInnen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tipps aus der Praxis für die Praxis
  • Wenn Eltern und Kinder in Ihrer Muttersprache begrüßt und verabschiedet werden, bringt das sehr viel Wärme und Herzlichkeit in die Gruppe. Dies kann sowohl mit persönlicher Ansprache oder mit einem Plakat gemacht werden.
  • Gemeinsames Essen und Feiern bringt Freude in die Gruppen. Bei der abwechselnden Jause kann jede Familie Köstlichkeiten aus ihren Heimatländern mitbringen und Geschichten darüber und Rezepte mit den anderen austauschen.
  • Kinderlieder und –spiele gibt es in allen Ländern und Kulturen. Jede Familie kann im Morgenkreis abwechselnd ein Lied, Fingerspiel oder einen Reim in die Gruppe in ihrer Muttersprache einbringen und den anderen zur Verfügung stellen.
  • Elternthemen zu den Themen Mehrsprachigkeit und Vielfalt öffnen die Wahrnehmung und bringen Toleranz und Weitblick in die Gruppen. Materialien dazu finden sie unter „Weitere Informationen“.

 

Zusammenfassendes

Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in Eltern-Kind-Gruppen soll möglichst unkompliziert und lustvoll sein. Die Offenheit und die positive Grundhaltung gegenüber anderen Kulturen und Sprachen sind das Wichtigste, das eine GruppenleiterIn mitbringen sollte. Alles andere ergibt sich aus den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen.

Die vorgeschlagenen Modelle von migrantischen und interkulturellen Eltern-Kind-Gruppen haben sich bewährt, müssen aber nicht für jede Situation und für jeden Ort ideal sein. Es gibt sicher viele andere Ideen, wie das Thema Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in Eltern-Kind-Gruppen einen Platz finden kann.

  • Eine Bücher-Schatzkiste mit zwei- oder mehrsprachigen Büchern kann z. B. ein Element sein, um das Augenmerk der TeilnehmerInnen auf dieses Thema zu lenken.
  • Vielleicht gibt es an Ihrem Ort oder in Ihrer Umgebung Veranstaltungen oder Feste, an denen Menschen aus mehreren Kulturen beteiligt sind oder sich vorstellen. Die gemeinsame Teilnahme der Eltern-Kind-Gruppe an einer solchen Veranstaltung macht Interkulturalität und Mehrsprachigkeit präsent und kann ein Türöffner für weitere Gespräche sein. Solche Veranstaltungen bieten darüber hinaus gute Möglichkeiten, Kontakte zu Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zu knüpfen und neue TeilnehmerInnen für Eltern-Kind-Gruppen zu gewinnen.

 

Literatur

Haug-Schnabel, Gabriele/Bensel, Joachim (2012): Wie kommt das Kind zum Wort? In: Kindergarten

heute. Wissen kompakt. Freiburg im Breisgau: Herder.

show details
Mag. a Cornelia Huber
studierte internationale Wirtschaft und zwischenmenschliche Kommunikation, Referentin für Erwachsenen- und Elternbildung und Suchtprävention, Mitarbeiterin im Katholischen Bildungswerk Vorarlberg Bereich Elternbildung, Koordinatorin der Purzelbaum Eltern-Kind-Gruppen des Katholischen Bildungswerks Vorarlberg, verheiratet, drei Söhne, Frastanz
  • 2446 Wörter
  • 10 Minuten Lesen
  • 10 Bilder
Schriftgröße + -
Schriftfarbe
Hintergrundfarbe