Familienzusammensein

Mit Sprache spielen – Fingerspiele, Kniereiter und Bewegungslieder in der Eltern-Kind-Gruppe

 

Theorie

Fingerspiele, Kniereiter und Bewegungslieder sind für Kinder von Anfang an faszinierend und sehr spannend. Lange bevor sie deren Inhalte verstehen, erfreuen sie sich an den Reimen, den Spielen mit Wörtern und Lauten, an den Wiederholungen und später auch an den scherzhaften, geheimnisvollen oder tröstlichen Inhalten. (vgl. Hüsler 2009: 4)

Der Rhythmus, die (Sprach-)Melodie und die dazugehörigen Bewegungen fördern die Sprachentwicklung, leisten einen wesentlichen Beitrag zu einer gelungenen Interaktion und machen sowohl Groß wie Klein Spaß. Deshalb sind sie ideale Methoden zur Sprach- und Leseförderung, sensibilisieren die Wahrnehmung und fördern die Kreativität und das soziale Lernen.

 

Kniereiter

Kniereiter sind meist in Reimform gefasste kurze Geschichten, die dem Kind auf dem Schoß oder den Oberschenkeln sitzend erzählt werden. Dabei unterstützen Bewegungen den erzählten Inhalt. Der wohl bekannteste, traditionell überlieferte Kniereiter ist „Hoppa, hoppa Reiter“. Kniereiter fördern die Körperwahrnehmung, das Rhythmusgefühl, das Sprachgefühl und bieten eine gute Möglichkeit des aufeinander Eingehens. Der Rhythmus dieser einfachen Kinderverse entspricht dem kindlichen Bedürfnis nach gleichmäßigen und wiederkehrenden Impulsen.

Kniereiter

 

Fingerspiele

Sie animieren die Wahrnehmung und regen zum Bewegen und Mitsprechen an. Der Gestaltungsspielraum ist auf die Hände und den Raum vor dem Körper beschränkt und bleibt daher auch für junge Kinder sehr überschaubar. Oft handelt es sich um kleine Geschichten, bei denen die einzelnen Finger nacheinander verschiedene Rollen übernehmen. In vielen Kulturen ist diese Form der spielerischen Auseinandersetzung von Erwachsenen und Kindern bekannt. (vgl. Hering 2002: 118)

Fingerspiele

 

Bewegungslieder und Bewegungsgeschichten

Sie gewinnen mit zunehmender Mobilität des Kindes an Bedeutung und erreichen Kinder auf mindestens zwei Ebenen. Das Kind nimmt, anders als beim Vorlesen oder Vorsingen, die Handlung nicht nur kognitiv wahr, sondern erlebt sie direkt mit dem eigenen Körper. In der Regel singen oder reden die Erwachsenen und geben die Bewegungen vor. Kinder imitieren die einzelnen Gesten und bekommen den Freiraum, ihren eigenen Körperausdruck zu finden. Worte werden durch Körpersprache mit Inhalten gefüllt.

 

Auswahlkriterien

Diese drei Formen des gemeinsamen Spiels gehören zum Repertoire jeder Eltern-Kind-GruppenleiterIn und haben eines gemeinsam: Sie sind aktionsorientiert und aktivierend und fördern damit die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen auf vielen Ebenen. Vor allem zu Beginn der Tätigkeit als Eltern-Kind-GruppenleiterIn kann es schwierig sein, aus der Fülle der Möglichkeiten das Passende auszuwählen. Drei Fragestellungen wollen dabei unterstützen:

  • Was passt zu mir?

Um darauf eine Antwort zu finden, gibt es nur einen Weg: Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Am besten gelingt dies, wenn man Texte, Lieder, Bewegungen für sich laut vorsagt, vorsingt und vormacht. So komisch man sich dabei auch vorkommen mag, so wichtig ist dieser Schritt. Erst durch das Hören der eigenen Stimme, das Spüren der eigenen Bewegungen und der Rhythmen wird deutlich, ob sie zur eigenen Persönlichkeit passen. Damit eine Methode von Groß und Klein gut angenommen wird, muss die Eltern-Kind-GruppenleiterIn als stimmiges Vorbild wirken. Ein Fingerspiel, das auf dem Papier als „der Hit“ beschrieben oder in der Fortbildung erlebt wurde, kann ganz schnell zum Flop werden, wenn in der Gruppe nicht die individuelle und authentische Umsetzung der Eltern-Kind-GruppenleiterIn spürbar wird. Wichtig sind nicht die perfekte Aussprache, der exakt gesungene Ton oder das genau eingehaltene Reimmaß. Viel wichtiger ist der Mut, aus vorgegebenen Texten, vorgegebenen Reimen oder Melodien den eigenen Text, die eigene Melodie oder den eigenen Reim zu machen.

Dorothée Kreusch-Jacob meint dazu: „Auch Reime selbst verlangen Beweglichkeit. Vielleicht lässt sich der Name des Kindes einsetzen. Vielleicht geben wir dem Vers eine kleine Melodie oder lassen ein Fingerspiel auch in die etwas ungewohntere Hand wandern. Vielleicht können wir einen veralteten Begriff durch ein anderes Wort aktualisieren oder hauchen einem komplizierten Fingerspiel durch Vereinfachen neues Leben ein.“ (Kreusch-Jacob 2000:17)

Genauso legitim ist es, Melodien zu vereinfachen, sodass sie leichter ins Ohr gehen. Ebenso können bekannte Melodien verwendet werden, um zu einem bestimmten Thema ein kleines Lied zur Verfügung zu haben. So kann z. B. ganz rasch aus der bekannten Melodie von „Bruder Jakob“ ein Käferlied oder ein Verabschiedungslied werden:

„Kleiner Käfer, kleiner Käfer, komm herbei, komm herbei.  Ich zähl deine Punkte, ich zähl deine Punkte. Eins-zwei-drei!“

„Alle Kinder, alle Kinder gehen nach Haus, gehen nach Haus.  Unsre Krabbelrunde, unsere Krabbelrunde, ist jetzt aus. Ist jetzt aus!“

 

  • Was passt zu meiner Gruppe?

Um heraus zu finden, welche Kniereiter, Fingerspiele oder Bewegungslieder zu meiner Gruppe passen, ist es notwendig, die Kinder und die Erwachsenen zu beobachten. Dabei können folgende Fragen unterstützen:

Handelt es sich um eine homogene oder um eine heterogene Gruppe?
Zeigen die Kinder ein ähnliches Verhalten oder ein recht unterschiedliches?
Sind die meisten Kinder mobil (Krabbeln, Laufen) oder am liebsten in unmittelbarer Nähe der Bezugsperson?
Sind für die Kinder die direkte Nähe und der Körperkontakt wichtig oder interessieren sie sich für neue Angebote und für das, was andere tun?
Gibt es in heterogenen Gruppen Kinder mit ähnlichen Verhaltensweisen, (z.B. die Krabbler, die Fremdler), die zu „Untergruppen“ zusammengefasst werden können?
Wie ist die Zusammensetzung der Gruppe der Erwachsenen?
Welche Vorerfahrungen mit Gruppen gibt es bei den Erwachsenen?
Kennen sie sich alle oder Teilgruppen aus anderen Kontexten, z. B. Pfarre, Kindergarten?
Welche Vorerfahrungen, Vorlieben oder vielleicht auch Ängste sind bemerkbar?

Je besser ich die Gruppe kenne, desto einfacher wird es, Kniereiter, Fingerspiele und Bewegungslieder auszuwählen, die das richtige Maß an Sprachförderung, an Miteinander und Förderung der individuellen Eltern-Kind-Beziehung und an Aktivität und Passivität darstellen. Schwieriger gestaltet sich dieser Prozess bei heterogenen Gruppen oder Gruppen, in denen es eine große Altersmischung der Kinder gibt. Oft kann diese dadurch entstehen, dass Geschwisterkinder mitgebracht werden, die aktiv ins Geschehen einbezogen werden wollen. In diesem Fall ist es hilfreich, sich für eine Aktivität mehrere Varianten zu überlegen, die den Bedürfnissen einer breiten Altersspanne entsprechen.

Im Vordergrund aller Überlegungen steht die Förderung der individuellen Entwicklung der Kinder. Dies gelingt dann, wenn es zu einer Übereinstimmung zwischen den Grundbedürfnissen des Kindes und seiner Umwelt kommt. Diesem Anspruch lässt sich im Erziehungsalltag nicht durchgehend gerecht werden. (vgl. Largo 2008: 249)

Auch in der Eltern-Kind-Gruppe ist das nicht immer möglich und zusätzlich kann es vorkommen, dass Erwachsene mit der Auswahl der Methoden unzufrieden sind. Es wird z.B. nach subjektivem Empfinden zu viel oder zu wenig gesungen oder es gibt zu viele Wiederholungen. Dadurch können bei der Planung für die Eltern-Kind-GruppenleiterIn Unsicherheiten entstehen. Wenn es Ziel ist, dieser Passung von kindlichen Bedürfnissen und Umwelt möglichst gerecht zu werden, dann kann nur die Beobachtung der Kinder und ihrer Bedürfnisse die Richtung weisen.

Wenn man als Eltern-Kind-GruppenleiterIn Missfallen oder Unbehagen der Erwachsenen beim Einsatz bestimmter Methoden wahrnimmt, so ist es wichtig, diese Wahrnehmung bei passender Gelegenheit anzusprechen und wenn möglich Unterstützung anzubieten z. B. durch Übernahme des Kindes für ein Lied oder einen Kniereiter. Ein Hinweis auf die Bedürfnisse der Kinder und damit eine Begründung für die Auswahl der jeweiligen Methode ist wichtig und hilfreich und motiviert die Eltern zum Mittun.

 

  • Was passt zu meinen Rahmenbedingungen?

Viele der in der Literatur auffindbaren Spielideen sind auf große Gruppenräume zugeschnitten. In der Eltern-Kind-Gruppenarbeit stehen diese manchmal nicht im gewünschten Ausmaß zur Verfügung. Auch hier gilt Mut zum Abwandeln: Ein Bewegungslied, das zum Laufen, Springen und Tanzen auffordert, lässt sich zum Wippen, Drehen und Strecken abwandeln. Das Bewegungsangebot muss sich nach dem Potenzial des Raumes richten und ist als Ausgleich zu den Sitzphasen der Kinder gedacht. (vgl. Hering 2002: 119)

Hohe Lautstärke und Geschwindigkeit von Musikstücken regen zu großen und wilden Bewegungen an. Wenn der Raum dies nicht zulässt, ist es besser, selbst zu singen. Auch zu große Räume sind für junge Kinder oft nicht ideal. Sie bieten zu wenig Orientierung und Schutz. Hier lässt sich mit Tüchern und Seilen ein „begrenzter Spielraum“ schaffen und ein runder Teppich in der Mitte gibt zusätzlich Sicherheit. Erst in dieser Sicherheit des Raumes können die angebotenen Spielideen angenommen werden. Kniereiter und Fingerspiele leben zu einem guten Teil von Sprache. In einer Gruppe, in der die Kinder gerade zu sprechen beginnen oder verschiedene Erstsprachen vertreten sind, ist es wichtig, darauf einzugehen, auch wenn dadurch die Dramaturgie oder der Bewegungsanteil in den Hintergrund treten. Der Text wird so langsam gesprochen, dass Kinder wie Erwachsene mühelos die Schlüsselwörter mitsprechen können. Der Zeitaspekt ist bei der Auswahl der hier beschriebenen Methoden ebenfalls wesentlich. Je jünger die Kinder sind, desto mehr Zeit braucht es, um ein Fingerspiel, einen Kniereiter oder ein Bewegungslied einzuführen. Es empfiehlt sich, den Text in kleine Abschnitte zu zerlegen, von Beginn an mit Bewegungen zu kombinieren und Zeit für Wiederholungen einzuplanen. Tempo und Dauer werden auf die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder abgestimmt und manchmal ist es angebracht, nur einen Teil des Originaltextes zu verwenden.

Die hier dargestellten Auswahlkriterien erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Als Leitfaden für die Auswahl von Kniereitern, Fingerspielen und Bewegungsliedern dienen drei A: AUTHENTISCH – ANPASSUNGSFÄHIG – AKTIVIEREND

 

Praxis

Ein Federchen flog durch das Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.
Die Feder sprach: „Ich will es wecken!“
Sie liebte, andere zu necken.
Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.
Das Nilpferd sperrte auf den Rachen
Und musste ungeheuer lachen.

(Joachim Ringelnatz)

 

Je nach Alter der Kinder kann das „Nilpferdgedicht“ von Joachim Ringelnatz eingesetzt werden:

  • Baby: Die Bezugsperson verwendet die Hand „als Feder“ und streicht leicht über Körper und Gesicht. Ab ca. 6 Monate kann eine kleine weiche (Bastel-) Feder ins Spiel gebracht werden.
  • Mit zunehmender Mobilität kann sich das Kind auf den Boden kauern, die Bezugsperson geht zum Text rund um ihr Kind und kitzelt es „überraschenderweise“.
  • Ab ca. 18 Monate, mit zunehmender Sprechfreude des Kindes, macht die Bezugsperson vor Sand, Necken, Leder und lachen eine Sprechpause, sodass das Kind die Gelegenheit bekommt, die Reimwörter selbst zu sprechen.
  • Sobald das Interesse am gemeinsamen Spiel der Kinder zunimmt, können die Kinder selbst „Nilpferde“ und „Federn“ darstellen und werden von den Erwachsenen sprachlich mit dem Gedicht begleitet

 

Literatur

Hering, Wolfgang (2002): Kunterbunte Bewegungshits. Münster: Ökotopia.

Hüsler, Silvia ( 2009): Kinderverse aus vielen Ländern. 2. Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Kreusch-Jacob, Dorothée (2000): Finger spielen, Hände tanzen. Das große Buch der Kinderreime und Fingerspiele. München: Don Bosco.

Largo, Remo.H (2008): Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung.16. Auflage. München: Piper.

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Brigitte Lackner, MAS
Verantwortliche für die Vernetzung Elternbildung beim Forum Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich, Dipl. Erwachsenenbildnerin und Elternbildnerin, Dipl. Montessoripädagogin, Lebens- und Sozialberaterin
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