Familienzusammensein

Vom Begreifen zum Sprechen – Spracherwerb im ersten Lebensjahr

 

Voraussetzungen für die Sprachentwicklung

Babys teilen von Geburt an ihre Befindlichkeit und ihre Bedürfnisse mittels der ihnen angeborenen Möglichkeiten der Körpersprache und der Stimme mit. Im Laufe des 1. Lebensjahres erweitern sie ihre Kommunikationsmittel Schritt für Schritt, bis sie schließlich  die ersten Worte sprechen. Eltern unterstützen diese Entwicklung vor allem durch „eine gute Beziehung zum Kind und durch ihr Interesse dafür, wie es lernt, die Welt der Sprache zu entdecken.“ (Largo, 2010: 375)

Die elterliche Bereitschaft, die kindlichen Signale zu verstehen und darauf angemessen einzugehen, ist die beste Sprachförderung von Anfang an. Wichtige biologische Grundlagen für das Sprechenlernen sind die Anlagen der Sprechorgane, der entsprechenden Verarbeitungszentren im Gehirn, die geistigen Fähigkeiten, das Beziehungsverhalten und die Hörfähigkeit. Sprechen ist auf das Hören angewiesen. „Sprechen entwickelt sich nicht direkt aus Schreien oder Weinen, sondern aus der Technik, den Atem mit Stimme zu füllen.“ (Butzkamm, 2008: 63) Das Baby verfeinert seine Atemtechnik, der Kehlkopf senkt sich ab, die Hörfähigkeit nimmt zu, die Sprachzentren im Gehirn vernetzen sich, durch das In-Beziehung-Sein schreitet auch die geistige Entwicklung voran, „die der sprachlichen  vorausgeht. Zuerst entwickelt das Kind eine innere Vorstellung, dann versteht es den sprachlichen Begriff , der diese Vorstellung bezeichnet, und schließlich wendet es den Begriff selbst an.“ (Largo2, 010: 375)

 

Entwicklungsschritte des Spracherwerbs 

  • von Geburt an

Babys hören und unterscheiden verschiedene Laute. Fasziniert hören sie die Stimme der Mutter, auch wenn sie den Inhalt nicht verstehen. Sie erkennen die Muttersprache im Gegensatz zu einer Fremdsprache und sie differenzieren zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Lauten. (vgl.Grimm; 1998: 716) Sie teilen Unlust, Hunger oder Schmerzen mittels Schreien mit. Laute, die produziert werden, unterteilt Butzkamm in Kontaktlaute, Unmutslaute, Schlaflaute, Trinklaute und Wohligkeitslaute.

 

  • 6. – 8. Lebenswoche

Babys gurren und verwenden Laute wie ä, a, ähä, hä, guhr-guhr, oo-oo.

„Der Säugling beginnt zu quietschen und zu brummen, zu gurgeln und zu schnalzen, zu krähen und zu flüstern, zu prusten und Spuckebläschen zu formen. Er versucht, akustische Augenblickserzeugnisse wieder aufzugreifen und erneut hervorzubringen. Bei dem Spiel mit der Stimme entstehen Laute wie zufällig und werden dann mit einigem Eifer ausprobiert. “ (Butzkamm, 2008: 64) In diesem Ausprobieren und Spielen mit der Stimme ist oft die ganze Lebensfreude des kleinen Menschen zu beobachten.

 

  • 3. – 5. Lebensmonat

Babys lallen und plaudern vor sich hin. Sie verwenden Laute wie e-eche, öre, goo, laa, aa und Blasreibelaute wie w oder Lippenlaute wie m und b. Es überwiegen zunächst die Vokale, dann kommen mehr und mehr Konsonanten dazu. Babys lachen und geben Laute von sich, wenn mit ihnen gesprochen wird. Sie bringen die Lippenbewegungen der Erwachsenen mit Vokalen in Zusammenhang und das Lippenlesen beginnt.

Die Elternsprache in den ersten Monaten nennt sich Ammensprache oder „baby talk“. (vgl. Grimm, 1998: 747) Völlig intuitiv benutzen Mütter und Väter überall auf der Erde einen melodischen Singsang, um ihr Baby anzuregen, zu beruhigen oder zu belohnen. Sie erhöhen ihre Stimmlage, erweitern den Stimmumfang, verwenden viele Vokale, dehnen die Laute, übertreiben und wiederholen diese. Sie spüren, dass ihr Kind aufmerksamer ist, wenn sie so mit ihm sprechen. Dabei werden nicht nur die

Lautformung und Wortbildung geübt, in diesem Wechselspiel der vorsprachlichen Kommunikation wird auch der Dialog gelernt. Wie wechselt man sich ab, wer führt das Wort, bzw. die Stimme, wie hört man aufeinander, was antwortet man, wie stimmt man sich ab? Eltern unterstellen den geäußerten Lauten des Kindes eine Mitteilungsabsicht und beantworten sie. (vgl. Butzkamm, 2008: 68)

 

  • 6. – 9. Lebensmonat

Babys beginnen die Bedeutung bestimmter Wörter zu begreifen. Das Kind reagiert, wenn es gerufen wird. Es plaudert deutliche Silben mit wechselnder Lautstärke und Tonhöhe. Die ersten Silben werden gebildet, indem das Baby Konsonanten wie m, b, d oder g mit Vokalen, häufi g mit a kombiniert.

Wenn es so entstandene Laute mehrmals wiederholt, plappert es – zur Freude der Mutter – irgendwann ein „Mama“. Eltern geben diesen Wortkernen einen Sinn und zeigen dem Kind damit, dass seine Äußerungen eine Bedeutung haben. Man nennt dies den stützenden Sprechstil.

Etwa im neunten Lebensmonat kann sich das Baby mit Mama oder Papa gemeinsam auf etwas Drittes beziehen. Immer wieder wird der Blick zur Bezugsperson gesucht und wieder auf den Gegenstand gerichtet. In dieser triangulären Aufmerksamkeit bekommen Spielsachen oder Gegenstände einen Namen, den Mutter oder Vater nennen. Das Baby beginnt Zeigegesten zu verwenden und zu verstehen, wie z. B. In-die-Hände-Klatschen, Baba-Winken oder Kopfschütteln. (vgl. Largo, 2010: 388)

„Die Worte, die wir an das Kind richten, sollten in einem unmittelbaren Bezug zum Kind und seinem Erleben stehen. Alles, was wir ansprechen, sollte das Kind gleichzeitig sehen, hören oder fühlen können.“ (Largo, 2010, S. 389)

Das Kind beginnt auch, sich für Gespräche zwischen Familienmitgliedern zu interessieren. Es eignet sich die Laute der Umgangssprache an. Es ahmt die Sprachmelodie nach, wie sich insgesamt die Fähigkeit der unmittelbaren Nachahmung entwickelt.

 

  • 10. – 14. Lebensmonat

In diese Phase fällt die Produktion der ersten eigenen Wörter. Das Kind sagt „Mama“ oder „Papa“ und erkennt die Bedeutung. Es erkennt seinen eigenen Namen und es hat Wörter für die eigenen Körperteile und Kleidungsstücke. Ein-Wort-Sätze entstehen und so kann das Wort „Nane“ Unterschiedliches bedeuten. Z.B.: „Ich möchte eine Banane.“ „ Da sind Bananen.“ Es kann aber auch die Bedeutung von „Obst“ haben oder überhaupt von „Essen“. Eltern beginnen mehr und mehr eine lehrende Sprache zu verwenden. Wenn das Kind eine verkürzte Nachahmung des Gehörten verwendet, d.h. wenn es die Sätze der Großen auf die Kernaussage verkürzt, antworten Eltern damit, dass sie seine Äußerungen wiederum auf ganze Sätze erweitern. Es kann auch sein, dass das Kind etwas anderes mitteilen wollte, dann drückt es dies durch begleitende Laute und Körpersprache aus.

Kinder verfügen über einzigartige Voraussetzungen für den Erwerb von Sprache. Eltern bzw. Bezugspersonen verfügen über intuitive, kommunikative Fähigkeiten, um ihr Kind dabei optimal zu unterstützen. Gefördert wird die sprachliche Entwicklung eines Kindes besonders von jemandem, der „sensibel beim Kind ist und sprachlich das begleitet, was es gerade im Auge und im Sinn hat.“ (Butzkamm, 2008: 80) Wichtig ist also nicht einfach draufloszureden, sondern die kindliche Reaktion zu beachten und wahrzunehmen, und so festzustellen, ob man gemeinsam bei derselben Sache ist.

 

Theorie erlebbar machen

Mit der Methode der Sprechblasenspirale lässt sich der Spracherwerb von Babys gut darstellen und Eltern können ihre Erfahrungen einbringen.

 

  • Vorbereitung

Sprechblasen aus Papier und Stifte, Monatskärtchen ( von 1 bis 18 nummeriert), Entwicklungskarten, die mit den unten stehenden Sprachentwicklungsschritten beschriftet sind:

Von Geburt an: Hören, Schreien, Laute, Mimik, Gestik
6. – 8. Lebenswoche: Gurren, Quietschen, a, ähä, guhr-guhr, oo-oo
3. – 5. Lebensmonat: Plaudern, Lallen, e-eche, öre, goo, laa, aaa
6. – 9. Lebensmonat: Silbenbildung, Sprachverständnis, Plappern, ba, be, gaga,  babagadenama
10. – 14. Lebensmonat: Ein-Wort-Sätze, Name, Mama, Papa, Auto

 

Karten mit elterlichen Sprechstilen:

Ammensprache: Stimmumfang erhöht sich von 6 – 7 Halbtönen auf 2 Oktaven. Vereinfachung, Verlangsamung, Wiederholung, Übertreibung, Lautdehnung, viele Vokale.

Stützender Sprechstil: Eltern zeigen ihrem Kind mit ihrer Reaktion auf Silben und erste Wörter, dass seine Aussagen Bedeutung haben.

Lehrende Sprache: Eltern erweitern die Aussagen des Kindes durch Wiederholung. Das Kind benutzt die verkürzte Nachahmung, d.h. es reduziert die Sätze der Erwachsenen auf den inhaltlichen Kern.)

In der Mitte eines Sesselkreises ist auf dem Boden der Beginn einer Spirale aufgelegt, die aus den 18 Monatskärtchen besteht. Die Karte mit der 1 liegt innen und nach der Karte 18 ist außen noch genug Raum für die gedankliche Weiterentwicklung. Die Spirale kann auch auf einem Tisch aufgelegt werden, wichtig ist nur, dass zwischen den Kärtchen genügend Platz ist, um die anderen Karten dazuzulegen.

 

  • Durchführung

Die TeilnehmerInnen erhalten leere Sprechblasen aus Papier. Darauf dürfen sie die Laute, Silben oder Wörter schreiben, die ihr Kind gerade plaudert und zwar genauso, wie es diese derzeit ausspricht. Dann lädt die GruppenleiterIn die Eltern zu einer Austauschrunde ein. Jede TeilnehmerIn erzählt, was ihr/sein Kind gerade plaudert und legt die Sprechblase zum Monatskärtchen, das dem Alter des Kindes entspricht.

Wenn alle Sprechblasen bei der Spirale liegen, ergänzt die GruppenleiterIn die bereits eingebrachten Informationen der TeilnehmerInnen. Dafür legt sie die Entwicklungskarten zur Spirale dazu und erklärt die einzelnen Meilensteine der Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr. Bei den Monaten, wo Sprechblasen der TeilnehmerInnen liegen, werden diese aufgegriffen.

Die Kärtchen mit den elterlichen Sprechstilen werden als Abschluss erläutert und zur Spirale gelegt. Sie können gut dazu genutzt werden, ausführlicher darauf einzugehen, wie wichtig die Eltern-Kind-Beziehung für den Spracherwerb ist.

 

  • Abschluss

Die Eltern werden angeregt, die Aussagen ihrer Kinder im Fotoalbum, in einem eigenen Buch oder auch digital mit Datum und ausgesprochenem Originaltext zu notieren. Die meisten Kinder lieben es, wenn sie später davon erzählt bekommen oder ihre ersten Wörter sowie lustige und originelle Aussagen selbst lesen können. Manchmal entstehen daraus schöne Familiengeschichten.

 

Literatur

Butzkamm, Wolfgang und Jürgen (2008): Wie Kinder sprechen lernen. Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen. 3. Aufl age. Tübingen: Francke Verlag.

Grimm, Hannelore (1998): Sprachentwicklung – allgemeintheoretisch und differentiell betrachtet. In: Oerter, Rolf/Montada, Leo (Hg.): Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologische Verlagsunion: 705-805.

Largo, Remo H. (2010): Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. München: Piper Verlag.

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Mag.a Evelyn Stelzl
Mag.a Evelyn Stelzl, Anif bei Salzburg, Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, Dipl. Elternbildnerin, Eltern-Baby-Gruppenleiterin, 3-fache Mutter
  • 1794 Wörter
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